Month: Dezember 2015

Das dicke Ende für dieses Jahr

Machen wir`s kurz: 2015 war im schlimm. Eine Achterbahnfahrt ohne Gurt. Da gab es natürlich Momente, in denen ich oben war. Aber eben nur kurz und dann auch noch kopfüber. Da braucht es eigentlich keinen Rückblick. Außerdem arbeite ich daran ja schon bruchstückhaft in diesem Blog, das hat sich auch heute wieder so ergeben. Diesmal sogar etwas mehr. Wer also nur wissen will, wo ich gerade so stecke, sollte nach dem folgenden Absatz aussteigen. Danach geht es nämlich nochmal ans Eingemachte. Deshalb sage ich auch an dieser Stelle schon Danke. Danke jedem, der in diesem schlimmen Jahr bei uns und bei mir war. Euch allen Glück und Gesundheit! Auf dass 2016 besser wird.

Einmal gründlich durchschütteln: Der JumpPark in Brno.

Einmal gründlich durchschütteln: Der JumpPark in Brno.

Heute habe ich Luftsprünge gemacht. Natürlich nicht vor Freude, sondern auf großen Trampolinen, im JumpPark in Brno. Kein schlechter Zeitvertreib für den Jahresausklang, so viel wusste ich. Denn ich war schon im September hier. Kurz nach der Trauerfeier war ich ja spontan ins Auto gestiegen und hatte eine ähnliche Tour unternommen, wie ich sie jetzt gerade mache. Da hatte ich zum ersten Mal den JumpPark für mich entdeckt und fand in der Hüpferei ein Mittel um mich selbst ein wenig selbst zu spüren. Zwei Mal war ich dann gleich dort. Diesmal war mein Besuch weniger für die Psyche notwendig, als für den Körper. Die letzten Tage haben ganz schön angesetzt – und nichts ist so fordernd, wie diese Trampoline. Anderthalb Liter Wasser habe ich heute binnen einer Stunde getrunken, wahrscheinlich aber zwei ausgeschwitzt. Und sonst? Prag blieb für mich diesmal unspektakulär, aber ein Ort zum Wohlfühlen. Meine Trauer ist noch ruhiger geworden.

Das gab mir die Möglichkeit, mich in den letzten Stunden dieses Jahres einmal den letzten Stunden von Johannes zu nähern. Die Erinnerungen daran sind die vielleicht schmerzhaftesten überhaupt, deshalb hatte ich bisher meist einen Bogen darum gemacht. Zum einen schmerzhaft, weil es schier unerträglich war, diesen geliebten Menschen leiden zu sehen. Den Verfall zu begleiten, scheinbar ohne noch einen Einfluss zu haben. Diese Hilflosigkeit. Seine Lebensfreude verlöschen zu sehen, die doch sonst stark genug war, um uns beide zu beflügeln.

Zum anderen, weil ich so verzweifelt wie erfolglos versucht habe, das Beste für ihn zu tun. Es ging schon seit dem Jahresanfang mit den medizinischen Entscheidungen los, die sich im nachhinein immer als die falschen erwiesen haben. Nein, ich mache mir keinen Vorwurf daraus. Tragisch bleibt es dennoch, dass wir die wachsenden Metastasen im Rückenmark lange übersehen hatten und die dadurch heikle Bestrahlung mit zu viel Kortison absichern mussten, das ihm wiederum übel zugesetzt hat. Dass niemand die scheußliche Lagerungswunde am Gesäß erkannt hat, die ihn monatelang peinigte. Dass wir wertvolle Zeit mit Avastin verloren haben, das bei ihm keinerlei Wirkung zeigte. Und dass wir schließlich zu spät auf das hoffnungsvolle CUSP9-Protokoll gesetzt haben.

So sind wir also immer hektischer den Entwicklungen hinterhergelaufen. Und wie schon an anderer Stelle gesagt: Dass es bald zuende gehen würde, war mir dabei viel zu lange nicht klar. Also waren wir, was uns beide angeht, auch darauf nicht vorbereitet. Als es unausweichlich wurde, lag Johannes schon im Krankenhaus – und nicht im Hospiz, wie wir Angehörigen es ihm gewünscht hätten. Und auch nicht zuhause, wie er selbst es sich gewünscht hatte. Einige Tage lang hatte ich es versucht und ihn in Vohwinkel gepflegt. Erstmals räumlich getrennt, er im Pflegebett in seinem Arbeitszimmer, ich in unserem Schlafzimmer. Die Klingel an seinem Bett war im Dauerbetrieb, ich damit auch. Alles war aus den Fugen geraten. Ständig gaben sich Pflegerinnen und Ärzte unsere Klinke in die Hand, dazwischen strapaziöse Toilettengänge, Essversuche, Schmerzattacken. Als die Schmerzen selbst mit aberwitzigen Medikamenten-Gaben nicht stabil in den Griff zu bekommen waren – zuletzt setzte ich sogar Spritzen – zogen wir die Reißleine und brachten ihn ins örtliche Krankenhaus. Es sollte nur eine Übergangsstation sein, um ihn etwas aufzupäppeln und die Schmerzmittel vernünftig einzustellen. Es wurden neun Nächte daraus, bis zu seinem Tod.

Natürlich drehte sich in den letzten Wochen ständig alles um seine Leiden und darum sie zu lindern. Dabei blieb dann aber wenig Raum und Kraft für uns, für so etwas wie die letzte große Aussprache. Immerhin: Sein Zimmer lag gleich neben der Palliativstation und deren Schwestern versorgten ihn mit. Außerdem wurden keine anderen Patienten in sein Zimmer gelegt. Ich durfte das freie Bett haben.

An einem Sonntag starb er. Eine Woche zuvor am Samstag kamen unsere Freunde aus Düsseldorf zu Besuch, mit denen wir in den vergangenen Jahren so viel gereist sind. Das machte ihn munter und zuversichtlich. Er bekam zu diesem Zeitpunkt erstmals niedrig dosiertes Morphium, kontinuierlich über eine Pumpe. Doch er war unternehmungslustig. Also setzten wir ihn in einen Rollstuhl, die Pumpe auf seinen Schoß – und los gings. Das war großartig: Ich durfte nochmal gemeinsam mit mit meinem geliebten Mann etwas erleben! Dass es nur der Klinik-Garten war, in den ich ihn schob, machte gar nichts. Im Gegenteil: Johannes mochte schon immer die Natur und freute sich nach den Tagen im Pflegebett so rührend über das Grün, den Blick auf den Teich und über alle Blüten, die wir ihm zum Schnuppern reichten. Es war das allerletzte Mal, das er glücklich wirkte. Wieder im Zimmer, verabschiedete er unsere Freunde mit einem Satz, der uns ins Mark fuhr: „Schön, dass ihr nochmal da wart.“

Am Dienstag meinte die Palliativschwester plötzlich, wir sollten unsere Betten doch zusammenrücken. Noch während ich zögerte, fing sie schon an umzuräumen und die Ritze zwischen den Betten mit einer gerollten Decke zu stopfen. Vor der Tür erklärte sie leise, dass sie nun den Eindruck habe, er werde in Kürze sterben, daher ihre Eile und Entschlossenheit. Sie drückte mir eine Broschüre über den Sterbeprozess in die Hand. Kaum hatte ich die paar Seiten neben Johannes liegend gelesen, ging es auch schon los. Er sagte etwas, wie: „Bitte bleibe jetzt bei mir!“ Nach zwei Tagen mit nur wenigen klaren Momenten wirkte er plötzlich wach, aber voller Angst. Ich sollte dabei sein, wenn er stirbt – das hatte er mir schow vor Tagen gesagt. Dass ich just in diesem Moment bei ihm sein sollte, konnte dann wohl nur eines heißen. Ich schickte die Nachtschwester, die irgendetwas wollte, wieder raus, sagte ihr, sie möge eine Stunde fernbleiben. Sie, ganz der Drache, fauchte erst, sah dann aber meinen Ernst und beließ es dabei.

Einen Moment später lagen Johannes und ich wieder Arm in Arm. Die letzte Gelegenheit für große Worte, dachte ich. Und auch seine Gedanken schienen in diese Richtung zu gehen. Schon etliche Wochen zuvor hatte ich ihn gebeten, ein Tondokument für mich aufzunehmen mit einer Botschaft, an die ich mich nach seinem Tod halten kann. Das hatte er zur Kenntnis genommen, war aber nicht mehr darauf eingegangen. Einerseits wusste ich zwar, dass er die wirklich wichtigen Dinge nie vergisst, andererseits war er ja nicht bei Kräften, immer nur mit der Krankheit beschäftigt. In jenem Moment in der Klinik, als wir beide an sein Sterben dachten, aneinander geklammert, kam es also plötzlich zu folgendem Dialog (den ich wenig später aufgeschrieben habe):

Er: Scheiße, ich habe vergessen, die Kassette für Dich zu besprechen!

Ich: Was hättest Du mir denn sagen wollen?

Er: Dass ich Dich über alles liebe. Dass Du der beste Ehemann bist, den ich mir wünschen konnte. Und dass Du Dich so wunderbar um mich gekümmert hast.

(Pause)

Er: Es tut mir so leid. So sollte es nicht enden.

Ich: Aber wir haben immer das Beste aus allem gemacht.

Er: Oh ja, wir haben das Beste daraus gemacht.

Ich: Meine glücklichste Zeit mit Dir war die kurz vor der Krankheit. Aber gleich danach kommt die Zeit der Krankheit. Das war so schön, wir haben so viel erlebt und uns so viel Zuneigung gegeben… Danke.

Ich (entdecke eine Träne in seinem Augenwinkel, erstmals in zwölf Jahren, sage spaßhaft): Oh, Du weinst ja doch – dass ich das noch erleben darf.

Er (flüstert): Erwischt.

Dieser Moment mit ihm ist mir unendlich wichtig. Es waren Worte, die immer in der Luft lagen, aber eben nie ausgesprochen wurden. Lieber nach vorne schauen. Gerade keine Zeit dafür. Wir wissen doch, dass wir uns lieben. So kam es nie dazu.

Es gab noch einen weiteren Schlüsselmoment am Sterbebett. Leiner einen mit bitterem Beigeschmack. Denn an jenem Dienstagabend ist er einfach nur weggedämmert, während ich aufgewühlt und ängstlich neben ihm lag und seinen Schlaf bewachte. Am Freitag darauf war das Morphium bereits merklich erhöht worden, erstmals sollte er außerdem ein Sedativum bekommen, ebenfalls mit der Pumpe. Schlafen zu dürfen, schien ihm inzwischen sehr recht zu sein, das Lebenslicht flackerte nur noch klein und schwach. Den Tag über war es überraschend nochmal aufgeflammt, da hatte er nachmittags plötzlich seine Eltern bei sich haben wollen um sich zu verabschieden. Hat seinen besten Freund angerufen. Der saß zwar noch morgens im Krankenhaus an seinem Bett, doch daran konnte Johannes sich nicht erinnern. Für ihn war eben genau in diesem Moment der Zeitpunkt gekommen.

Tja, und dann war es Abend, gegen 19 Uhr, und er sollte mit dem zweiten Medikament schlafen. Vielleicht nie wieder aufwachen. Ein „vielleicht“, das mich wahnsinnig machte, weil ich ihn natürlich bei mir haben wollte, nichts mehr fürchtete als seinen Tod – und weil ich nicht wusste, wann es wirklich Zeit ist, sich zu verabschieden. In diesem Punkt hat er mir eigentlich geholfen – wenn ich die Signale denn aufgenommen hätte. Er bat mich nämlich erneut, bei ihm zu bleiben bis er schläft.

Ich telefonierte noch schnell mit seinen Eltern, mit denen ich während dieser Tage abends oft ein, zwei Stunden lang in der Nähe Essen ging. Eine kleine Auszeit mit jenen Menschen, die Johannes und mir am nächsten standen. Dieses Ritual war mir wichtig, auch an diesem besonders schweren Tag. Ich sagte ihnen, dass wir wohl gegen 20 Uhr essen gehen könnten. Bis dahin, war ich mir sicher, würde Johannes längst schlafen.

Dann saß ich auf der Bettkante und hielt seine Hand. Es gab nichts mehr zu sagen, die Hand zu halten war für uns beide genug. Oder auch nicht: Er richtete sein eines Auge (das andere war zugequollen) auf mich und deutete an, dass er einen Kuss haben will. Also haben wir uns geküsst. Hauptsächlich ich ihn. Dann haben wir wieder Hände gehalten. Nur einschlafen konnte er nicht, obwohl die Dosierung schon erhöht worden war. Klammerte er sich an dieses letzte Stück Leben? Diesen letzten wachen Augenblick? Ich wagte das so Naheliegende einfach nicht zu denken. Und selbst jetzt, da ich es schreibe, kommen mir die Tränen.

Nach einer Stunde an seiner Bettkante habe ich es nicht mehr ausgehalten. Das Sitzen. Die Situation. Es schien fast, dass er nicht schlafen konnte, genau weil ich dort saß. Unsicher, wie sehr er schon dämmerte, habe ich dann leise gesagt, dass ich nun mit seinen Eltern essen gehen würde und danach wieder bei ihm sei. Darauf habe ich mich davongeschlichen. Er sah so aus, als würde er mir aus dem Halbdunkel des Raumes nachblicken, wie ich aus der Tür ging. Doch zurück konnte ich auch nicht mehr. Danach habe ich mich so richtig mies gefühlt, als ob ich ein großes, wichtiges Versprechen gebrochen hätte. Klar, ich war die allermeiste Zeit in diesen neun Tagen und Nächten bei ihm. Auch in wertvollen Momenten. Aber in diesem nicht so ganz. Das wurmt mich.

Am nächsten Tag kam er nur kurz und wenig zu Bewusstsein. Wir hatten das Sedativum etwas abgedreht. Er schien dafür gar nicht dankbar zu sein und wollte schleunigst wieder abtauchen. Durfte er auch. Am Sonntagmittag war es dann so weit. Ich will oder kann über diesen letzten Moment nicht schreiben (und liebe Claudia: die Bilder davon bleiben freilich unter Verschluss), nur so viel: Es war ein leiser Moment – und ich war, so wie er es wollte, bei ihm.

Übergang unterwegs

imageSo, Weihnachten wäre geschafft. Und es war gar nicht so schwer wie zunächst erwartet. Nachdem ich aus Barcelona zurückgekommen war, hatte ich ein paar sehr trübe Stunden. Kurz vor den Feiertagen wurde es dann wieder besser. Und an Heiligabend selbst wurde mir klar, warum dieses Fest mir nicht so viel anhaben kann: Weil es auch bisher nicht so viel danstellte, weder für Johannes noch für mich. Die Feier bei seinen Eltern ist nicht so sehr mit Bedeutung aufgeladen, sie hat wenig Fallhöhe. Was ich vor zwölf Jahren, als ich meine Familie kennenlernte, noch ein wenig bedauerte, diesen gewissen Mangel an Feierlichkeit, das habe ich irgendwann als Unaufgesetzheit zu schätzen gelernt. Diesmal hat es mir sogar sehr geholfen.

Im Übrigen heißt das nicht, dass es keine besonderen Herzensmomente gegeben hat. Einer kam in Form eines Gutscheins daher. Sechs Monate Klavierunterricht darf ich nun nehmen – ich will es nochmal mit Jazzklavier versuchen. Das Geschenk selbst hat mich gefreut, aber nicht überrascht. Der Gutschein aber hatte es in sich: so viel Mühe, so viel Liebe! Umgekehrt hat sich ein kleinerer Trauer-Brocken aufgelöst, indem ich meinem Schwiegervater das iPad von Johannes schenken konnte. Dieses Gerät spielte für meinen geliebten Mann eine zentrale Rolle. Es war für ihn ein ständiger Begleiter, Werkzeug und Zerstreuung zugleich, täglich in Händen, immer griffbereit. Viel von seinem Wesen und seinen Interessen spiegelte sich in der Gestaltung, der Ordnung und der App-Sammlung wider. Es war deshalb eines der großen Problemfälle. Ständig habe ich es auf der Arbeitsplatte der Küche und in meinem Kopf hin- und hergeschoben.

Jetzt hat es den perfekten Platz gefunden. Johannes hätte es seinem Vater nämlich sehr, sehr gerne gegeben, wie er ihm überhaupt stets gerne Geschenke gemacht hat. Wir haben es bewusst weitgehend so gelassen, wie Johannes es eingerichtet hatte. Na gut, ich habe einige voluminöse Pokémon-Apps gelöscht, auch die Mailkonten und die Fotos. Diese Vorbereitungen haben mich einen ganzen Tag gekostet, schließlich wollten die Bilder ja gesichtet und verarbeitet sein.

Jetzt ist wieder Trauerpause, so scheint mir. Weil mir für die Zeit zwischen den Jahren nichts Besseres einfiel, habe ich mich gestern wieder ins Auto gesetzt, Mitfahrer eingesammelt (ich achte jetzt sehr aufs Geld!) und bin nach Prag gefahren. Hier sitze ich jetzt nach der langen Tour, Disko bis um morgens sechs und vier Stunden Schlaf im Auto, erstaunlich ausgeruht, regelrecht vergnügt. Vor meiner Nase brummt die Stadt in der Sonne, tausende Touristen sind ausgeschwärmt, auf dem Wenzelsplatz drängen sie sich um die Weihnachtsmarkt-Buden.

Zwei Nächte will ich hier bleiben, moderne Kunst und den Zoo sehen. Was danach kommt, wird sich zeigen. Silvester, schätze ich mal. Und da dürfte ich nicht ganz so mühelos durchkommen. Denn der Jahreswechsel mit Johannes hat mir immer sehr viel bedeutet. Ein echter Anlass, Rückblick und Ausblick voller Dankbarkeit, Sorge und Hoffnung – das war Silvester zuletzt. Ein paar innige Minuten, die im Getöse des Feuerwerks eher noch intimer wurden. Wahrscheinlich werde ich mir diesmal eine ähnliche Situation suchen: Einsam in der Menge. Alleine mit Johannes.

Nachtarbeit

Manchmal kommt es mir so vor, als müsse ich mich tagsüber davon erholen, was ich nachts so treibe. Und damit meine ich nicht die lange Samstagnacht in Barcelona oder die drei Bier gestern Abend. In letzter Zeit ist viel in meinen Träumen los. Mein geliebter Johannes taucht dann auf. Mal ist er gebrechlich und pflegebedürftig, mal nur unmerklich krank. Krank ist er leider immer. Aber es tut nicht immer gleich weh. Manchmal bin ich einfach nur glücklich, dass er wieder da ist. Da macht es fast nichts aus, wenn in mein Bewusstsein die Erkenntnis sickert, dass er ja schon tot ist und seine Erscheinung womöglich gar nicht real. Das schiebe ich dann schnell beiseite. Die Bilder sind auch, wenn ich sie mir jetzt vor Augen rufen will, sehr verschwommen. Nur Fragmente kann ich erinnern. Etwa, dass wir zu zweit auf einer Art Kettcar durch die Nacht strampeln. Irgendwelche Aufgaben haben wir zu erfüllen – oder sind wir auf der Flucht? Ach, vielleicht beides. Es ist ohnehin mehr ein Gefühl davon übrig geblieben. Das von Nähe und Geborgenheit, wir wir da eng aneinander geschmiegt auf diesem gebrechlichen Vehikel sitzen. Das von gemeinsamer Stärke und Unbezwingbarkeit, veredelt durch ein wenig Verzweiflung.

Das Futter für derlei Träume liefert mir meine Trauerarbeit am Tage. Zum Beispiel habe ich jetzt die Speicherkarte unserer kleinen Digital-Knipse ausgelesen. Darauf waren unter anderem noch Bilder von unserem letzten Ausflug nach Holland, den er noch halbwegs genießen konnte. Da sind wir, obwohl es zwei Wochen später in eine Ferienwohnung an den Strand von Den Haag gehen sollte, schonmal spontan auf die Halbinsel Voorne gefahren, südlich von Rotterdam. Schnell losfahren, solange es nocht geht! Die Bestrahlung seiner Rückenmarks-Metastasen lief noch und er war währenddessen täglich etwas schwächer geworden. Das haben wir vor allem auf die Unmengen von Kortison geschoben, dier er nehmen sollte, damit es nicht auch noch zu Schwellungen im Rückenmark kommt. Das hätte Querschnittslähmung und Rollstuhl bedeutet. Doch die große Schwäche zwang ihn auch so schon an den Rollator. Jeder Gang, jedes Vergnügen bedeutete plötzlich so große Mühen. Aber wir waren sicher, dass er da mit Training wieder rauskommt. Er war so unfassbar zäh und tapfer.

Die Erinnerungen schmerzen umso mehr, je näher sie sich dem Ende nähern. Auch deshalb, weil ich wieder fühle, wie verzweifelt optimistisch wir waren. Knapp vier Wochen vor seinem Tod habe ich überhaupt erst in Betracht gezogen, dass er sehr bald sterben könnte.  Dessen sicher war ich mir erst eine Woche vorher. Alle anderen waren da schneller. Realistischer. Die Bilder des toten Johannes gibt es auch, ich kann sie momentan aber noch nicht ertragen. Die folgenden Fotos aus Rotterdam sind schon schlimm genug. Auffällig finde ich, dass ich während dieser zweieinhalb Tage hauptsächlich Johannes fotografiert habe, inzwischen ganz unverhohlen. Der imposante Hafen oder das pittoreske Fischerstädtchen dienten bloß noch als Kulisse. Diese Veränderung hat er natürlich bemerkt, mich aber nicht darauf angesprochen. Ich hoffe sehr, dass ihn das Eingeständnis, das in meiner Fotowut steckte, nicht gekränkt oder entmutigt hat.

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„Embrace the struggle“

Da bin ich also in Barcelona. Einfach so, ganz unaufgeregt, eher ein Ausflug als eine Reise. Ganz im Gegensatz zu meiner Flucht neulich nach Mailand, kann ich es diesmal durchaus genießen, bin schon deutlich näher bei mir.  Es ist voll hier, aber heiter und entspannt. Die Sonne schaut auch so weit südlich von Deutschland nur für ein paar Stunden täglich vorbei, so flach, dass sie die schmalen Gassen des gotischen Viertels bloß streift. Die Platanen der großen Prachtboulevards sind nicht mehr grün, sondern scheinen vornehm silbrig. Das könnte auch an dem Weihnachtsschmuck liegen, der massenweise zwischen ihnen gespannt ist. Meist sind es Kunstwerke aus Lichterketten. Abends, wenn die Stadt traditionell noch lebhafter wird, geben sie dem Gewusel eine süßlich-melancholische Note.

Die meiste Zeit habe ich wohl mit ausgedehnten Gängen durch die Innenstadt verbracht. Manchmal bin ich über Erinnerungen an Johannes gestolpert. Zuletzt war ich mehrfach mit ihm hier, mal auf dem Weg zum – oder vom Schiff, mal zu Besuch bei meinem Vater. Dort saßen wir beim Café Cortado, dort haben wir das Picasso-Museum gesucht, dort unser Gepäck deponiert. In einem Laden halte ich plötzlich ein rotes Gummi-Gehirn in Händen. Der Scherz kommt bei mir nicht gut an, kurz überfällt es mich wieder. Doch im Großen und Ganzen bin ich recht ruhig.

imageAuf der Straße sitzt ein eigenartiger Kerl: heller Vollbart, mäßig ungepflegt, auf den ersten Blick ein Bettler. Doch er hat eine Aura, wie er da so konzentriert in einem Karoblock schreibt. „Ideas that change your life – 1 Euro“ – verspricht das Schild vor seinen Füßen, daneben sind drei gefaltete Karo-Zettelchen aufgereiht. Wie charmant, denke ich mir und will ein Foto von ihm machen. Die beste Bettel-Idee seit langem – hoffentlich nicht so bald so oft kopiert. Wir kommen kurz ins Gespräch. Er habe viele Jahre leben müssen für seine Ratschläge, sagt er. Außerdem würde er selbst die besten immer wieder neu formulieren – um sie wahrhaftig zu erhalten.

imageJetzt bin ich doch neugierig, entscheide mich für den mittleren der drei Zettel. Das hat etwas von chinesischen Glückskeksen, nur viel besser. Das Stück Papier kommt mir vor wie ein kleiner Schatz. Erst recht, nachdem ich ihn in sicherer Entfernung gelesen habe.  Grob übersetzt steht da: „Du musst das Kämpfen lieben lernen, um durch schwere Zeiten zu kommen. Um nicht aufzugeben. Warum? Weil Du tausend mal mehr zu schätzen weißt, was Du Dir erkämpft hast, als was Dir einfach zugefallen ist. Dankbarkeit ist das Wesen des Glücks.“ Erstaunlich, oder?  Ich glaube, der Mann verändert wirklich Leben. Vielleicht nicht immer grundlegend, aber da und dort ein wenig. Und wer kann das schon von sich behaupten?

Heute Abend gehts wieder zurück nach Wuppertal. Und ich kann jetzt schon sagen, dass es gut war, hierher gekommen zu sein. Gleich will ich noch ins Museum für Moderne Kunst gehen. Ganz gleich, was sie dort gerade zeigen. Johannes  und ich hätten das genauso gemacht.

 

Vor einem Jahr und einer Ewigkeit

Mir ist ein besonderes Fundstück in die Hände gefallen. Oder besser: Ich habe mich endlich getraut, es anzurühren. Auf meinem virtuellen Schreibtisch lagen nämlich noch Fotos und Videoschnipsel von der Transatlantik-Kreuzfahrt, die Johannes und ich vor einem Jahr machten. Vor nur einem Jahr! Es ist so nah und kommt mir doch wie ein Gruß aus einer völlig anderen Welt vor, die schon seit Ewigkeiten vergangen ist.

Eigentlich wollte ich an Bord nur die „Adventure of the seas“ dokumentieren und daraus einen Fünfminüter für Youtube basteln, eine kleine Schiffs-Kritik also. Ein Jahr zuvor hatte ich das bereits mit der „Norwegian Spirit“ gemacht, bei einer ebenfalls wunderbaren Kreuzfahrt mit Johannes. Doch diesmal war die Stimmung eine andere. Wenige Tage zuvor hatten wir die Nachricht von dem gewaltigen Rezidiv bekommen, waren aufgewühlt und verängstigt. Die Kreuzfahrt war eine verächtliche Geste an den Tod, der da plötzlich in Sichtweite aufgetaucht war. Sie war Ablenkung und Lebenstraumerfüllung. Jedenfalls habe ich mein Video-Projekt darüber vergessen und stattdessen ab und zu Johannes aufgenommen. Manchmal  verschämt, weil mir klar war, dass ich gerade die Erinnerung an ihn konservieren wollte, dass jedes Mal, das ich auf den Auslöser drückte, ein bisschen Vorbereitung auf den drohenden Abschied war.

Die kurzen Filmchen, so belanglos, fragmenthaft und verwackelt sie auch sind, stellen jetzt einen Schatz für mich dar, der mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt. Ich habe sie in dem folgenden Video grob zusammengeschnitten. Ist er nicht wahnsinnig süß?

Wieder aufgetaucht

„Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“, pflegen meine Schwiegereltern gerne zu sagen, wenn sie länger nichts von ihren Kindern und Schwiegerkindern gehört haben. Ich finde, dass sie da ausnahmsweise mal unrecht haben. Bei mir heißt längeres Schweigen jedenfalls oft auch, dass ich mich verkrochen habe, dass mich Fragen und Fröhlichkeit anstrengen, dass mir vielleicht sogar das Blog schreiben schwer fällt. So erklären sich die anderthalb Wochen, die seit meinem letzten Eintrag vergangen sind. Eine ganze Woche davon war ich vor allem mal niedergeschlagen, müde und antriebslos. An manchen Tagen habe ich nur mein selbst auferlegtes Schwimmtraining geschafft, eher das Minimalprogramm, manchmal auch noch eine Verabredung – trotz allem. Dazwischen die hohe Kunst der Prokrastination: Stundenlang sinnlose Flüge recherchieren, beim Essen durchs nachmittägliche Fernsehprogramm zappen, Tierdokus schauen, wegdämmern. Oder andersrum.

Das ganze war ein Trauerspiel. Im wahrsten Wortsinn. Denn die Trauer hatte sich in diesen Tagen verändert: Ich konnte sie nicht mehr minutenweise an mich heranlassen und dann wieder beiseite stellen Sie war einfach latent da, verfolgte mich wie ein Schatten, verdunkelte die Stunden, lag bleischwer auf meinen Schultern. Es wurde sogar körperlich – jedenfalls glaube ich das. Zeitweise hatte ich Kopfschmerzen oder habe – was besonders unangenehm ist – schlecht Luft bekommen. Dieses Phänomen kannte ich schon, hatte es vor zwei Jahren mal und war deswegen auch beim Arzt. Ein Kortisonspray hat mir seinerzeit Luft verschafft (und nebenbei die Stimme ramponiert). Zur Sicherheit lasse ich trotzdem bald nochmal nachschauen.

Dass ich meinen geliebten Mann jede Nacht in meinen Träumen wieder sehe, brauche ich da wohl kaum zu erwähnen. Leider ist er immer krank. Meine Erinnerungen an den gesunden Johannes sind wohl schon recht blass. Meine Träume bleiben dabei meist abstrakt, reale Orte kommen nicht vor, Kausalität ist unwichtig,  die Szenen folgen nur einer inneren Logik. Und so stehen wir immer wieder mitten im Kampf gegen diese gemeine Krankheit oder sind traurig über deren Ausweglosigkeit. Das kann dennoch wunderschön sein – immerhin ist er dann ja wieder da! Und nach nichts sehne ich mir mehr.

In dem ganzen Trübsinn gab es zum Glück aber auch lichtere Momente. Vielleicht ein Wendepunkt war Mitte vergangener Woche der Besuch meines Ex-Freundes Basti. Zu ihm hatte ich lange Zeit eher ein Großer-Bruder-Verhältnis, schließlich ist er zehn Jahre jünger als ich. Zuletzt hatten wir uns vor zwei Jahren gesehen, danach hat mich zunächst die Krankheit in Beschlag genommen, später war ich enttäuscht darüber, dass er sich in dieser dramatischen Lebenslage nicht mal bei mir meldet. Aber abschließen konnte ich das Kapitel so nicht, dafür stand er mir früher zu nahe. Also habe ich ihn eingeladen, voller Skepsis – und wurde überrascht. In den zwei Jahren der Funkstille hat er sich  grandios entwickelt, ist klarer, reifer und gelassener geworden, hat einen tollen Partner gefunden, ist selbst unter die Lehrer gegangen. Damit hat er sich endgültig aus der Kleiner-Bruder-Rolle gelöst. Das Frühstück mit ihm hat schließlich sechseinhalb Stunden gedauert und irgendwie nicht nur satt sondern auch glücklich gemacht.

Inzwischen gehts mir wieder besser. Am Wochenende war ich in Braunschweig zum – na, klar – Go-Turnier. Ich hatte eine gute Zeit dort und habe vier von vier Spielen gewonnen. Jetzt, am Montagmorgen, zurück am Schreibtisch, schreckt mich auch die Aufgabenliste nicht mehr, die da vergangene Woche lang und länger geworden ist.

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