Month: März 2016

Grüner Tee auf flauen Magen

 

Wunsch-Amulette am Weißen Tempel von Chiang Rai.

Wunsch-Amulette am Weißen Tempel.

Seit etwas mehr als einer Woche bin ich nun in Thailand und fühle mich zum ersten Mal gesund und wohl. Nun, besser spät als nie. Ich bin heute mit einem Lied im Kopf wach geworden, es hat mich selbst überrascht, wo das plötzlich herkam. Ich hatte es  für Johannes geschrieben, mit Hilfe von Freunden, trotzdem wohl eher lausig naiv. Aber ich wollte ihm unbedingt eine ganz besondere, musikalische Liebeserklärung machen. Im Text hatte ich Vergleiche mit dem Meer bemüht, wollte sagen, dass er für mich Kompass und Orientierung auch auf hoher See bedeutet. Ein paar einfache Klavier-Begleitakkorde hatte ich in der Nacht vor seinem Geburtstag dann aufgenommen, damit mir beim Singen dazu nicht alles durcheinander gerät. Und so war es schließlich, wie erhofft, ein wunderbarer, leiser Moment, dieser Morgen in dem Ferienhaus mit Blick auf den Gardasee, wo wir mit Freunden den 30. Geburtstag von Johannes gefeiert haben.

Nun bin ich gestern in Chiang Mai angekommen. Die Nase läuft zwar immer noch etwas, aber das könnte auch, wie ich inzwischen erfahren habe, an dem Smog liegen, der hier in diesen Tagen herrscht. Immer um diese Jahrezeit brennen die Bauern in der Grenzregion von Thailand, Myanmar und Laos ihre Felder ab und hüllen Nordthailand damit in eine fiese Dunstglocke. Die Leute husten, Flüge fallen aus, die Sonne scheint manchmal nur wie durch gelbes Milchglas.

Und ausgerechnet dort wo der Qualm am schlimmsten ist, war ich Mitte der Woche, denn dort schlägt auch das Herz des thailändischen Teeanbaus: In Doi Maesalong, nördlich von Chiang Rai, nahe der Grenze zu Myanmar. Das chinesisch-stämmige Dorf pflegt seit rund 25 Jahren intensiv den Teeanbau – und strebt mit taiwanesischer Hilfe nach internationalem Renommée. Dabei will ich nun gerne behilflich sein. Was ich erfahren, gesehen und geschmeckt habe, war schon sehr beeindruckend.

Leider war ich eben nicht gesund. An die Erkältung hat  sich nämlich nahtlos eine kleine Lebensmittelvergiftung angeschlossen. Vielleicht waren es die Muscheln am Abend zuvor? Vielleicht das Eis im Smoothie? Ich passe recht gut auf – aber es gibt hier so viele Möglichkeiten sich etwas einzufangen…  Auf dem abteuerlichen Weg mit Bus und Minibus von Chian Rai in die Berge ging es mir also stündlich schlechter. Nachmittags am Ziel angekommen, habe ich mit meinem Dolmetscher zusammen irgendwie noch eine erste, spannende und hoch informative Teeprobe überstanden, bin danach aber wie tot ins Bett gefallen und bis zum nächsten Vormittag nicht wieder aufgestanden. Die Nacht hatte ich heftiges Fieber.

Also habe ich auch an Tag zwei in Doi Maesalong nur eine einzige Teeplantage besuchen können – zu mehr hat die Kraft nicht gereicht. Aber das war zum Vergleichen richtig und wichtig. Nun wusste ich, wo ich meinen Tee kaufen wollte, wer mein Vertrauen hat. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich außerdem auf einem Motorrad. Als Beifahrer hinter meinem Dolmetscher. Das Fahrzeug hatten wir für für einen Tag geliehen. Führerschein? Hat keinen interessiert. Vertrag, Versicherung, Helme? Gibt es alles nicht. Wir haben dem Jungen, der uns das Motorrad am Hotel vor die Tür gestellt hat, umgerechnet fünf Euro in die Hand gedrückt – das wars. Ich glaube, so läuft das aber auch nur, wenn man fließend Thai spricht. Mein kleiner Helfer hat mich also noch schnell über die steilen, staubigen Straßen zum nächsten Geldautomaten mitgenommen, so konnte ich schließlich noch 20 Kilo Tee direkt kaufen. Eine weitere Sorte wird noch für mich verpackt und in Kürze nach Deutschland geschickt.

Wer zum Weißen Tempel will, muss durch ein Meer der Verzweiflung und der niederen Begierden schreiten.

Wer zum Weißen Tempel will, muss durch ein Meer der Verzweiflung und der niederen Begierden schreiten.

Meinen ersten und bisher einzigen Tempelbesuch dieser Reise habe ich übrigens schon am Montag hinter mich gebracht. Quasi, um dem Unternehmen den Segen zu geben. Tatsächlich: Als ich am Weißen Tempel angekommen war, hat er mich doch sehr berührt, auch wenn ich nicht allzu spirituell, geschweige denn religiös bin. Dieses Jahrhundert-Bauwerk, das noch in den Kinderschuhen steckt, ist doch schon atemberaubend. Am meisten beeindruckt haben mich die Wandmalereien im Tempel selbst, dort, wo nicht fotografiert werden darf. Der Künstler, dessen Lebenswerk der Weiße Tempel darstellt, hat auf der gegenüberliegenden Seite der Buddha-Figur die vergängliche, verderbliche Seite des irdischen Lebens dargestellt. Und das voller Humor, beinahe als Comic! In dem detailverliebten, monumentalen Bild finden sich Michael Jackson, Batman, die Minions und sogar ein Angry Bird – es kann nicht lange her sein, dass dieses Meisterwerk vollendet wurde. Aus dem apokalyptischen Wirrwarr lösen sich befreite Menschen, die an den Seitenwänden des Tempels in Richtung von Buddha fliegen. Wunderbar.

Kein Wunsch kommt weg. Die etwas abgehangeneren dienen als dekorativer Sonnenschutz.

Kein Wunsch kommt weg. Die etwas abgehangeneren dienen als dekorativer Sonnenschutz.

imageimageWie bei Tempeln üblich, gab es auch bei diesem die Gelegenheit, gegen eine Spende ein Blechamulett zu beschriften und an einen Ständer gebunden den Mönchen zu  überlassen. Zigtausende Namen, Grüße und Wünsche hängen dort schon. Diesmal wollte ich mich auch verewigen. Beinahe hätte ich etwas von einem „Erfolg“ geschrieben. Dann hat mich der Gedanke an Johannes überfallen – und ich habe mich ein bisschen für den Egoismus geschämt. Es ist also ein Gedenk-Amulett geworden. Einige Minuten habe ich inne gehalten. Einer der Mönche, die sonst immer so unbeteiligt ihren Pflichten nachgehen, stutzte sichtlich, als er an mir vorbeikam. Trauernde Touristen sind wohl selten.

Wenige Meter weiter gab es dann zu meiner Überraschung gleich noch eine Gelegenheit, diesmal mit etwas anders geformten Plaketten, die unter kleine Kegeldächer gehängt wurden. Dort habe ich schließlich meinen Wunsch für ein erfolgreiches Geschäft angebracht.

 

 

Bis jetzt läuft nur die Nase

Essen auf dem Nachtbasar in Chiangrai Rai: Authentisch, entspannt, lecker.

Essen auf dem Nachtbasar in Chiangrai Rai: Authentisch, entspannt, lecker.

Ich bin sauer auf Jet Airways. Die indische Mittelklasse-Fluggesellschaft hat meine Gesundheit auf dem Gewissen. Während der sieben Stunden Flugzeit zum Zwischenstopp Bombay war es in der Kabine so fürchterlich kalt, wie ich es noch nie erlebt habe. Ein dicker Pulli und zwei Decken haben nicht ausgereicht. Ich war chancenlos. Schon im Landeanflug lief meine Nase. Die trockene Luft an Bord und ein paar hustende Inder dürften mir dann den Rest gegeben haben. Jedenfalls laboriere ich seitdem mit einer Erkältung herum. Ausgerechnet jetzt!

In Bangkok hatte ich zwei unruhige Nächte, in denen ich nicht wusste, ob die Klimaanlage im Hotel mich rettet oder umbringt. Am gestrigen Samstag bin ich dann nach Chiang Rai weiter geflogen. Wer schonmal mit verstopfter Nase gelandet ist, kennt die Schmerzen vielleicht, die entstehen können, wenn der Druckausgleich nicht klappt. Meine Ohren sind jetzt noch zu. Nur den Jetlag habe ich hinter mir. Und einen ersten, schönen Abend in dieser Provinzstadt.

Tagsüber ist es hier mindestens so heiß wie im Rest des Landes, momentan also 37 Grad. Nachts wird es dafür angenehm kühl – aber alles noch T-Shirt-tauglich. Von meiner kleinen Pension aus, die ruhig aber zentral liegt, bin ich am Abend über die Märkte geschlendert. Der allnächtliche „Nightbazar“ ist auch für die Einheimischen ein Treffpunkt. Mittendrin, rund um einen großen Platz voller Klapptische und Stühle, reihen sich winzige Garküchen. Dort sitzen, essen und plaudern hunderte Menschen, auf einer Bühne bieten dazu Gitarrenspieler, Sänger und Tänzer ein wechselndes Programm. Eine herrliche, friedliche Atmosphäre – und das quasi kostenlos, denn selbst die Köstlichkeiten ringsum gibt es für ein paar Cent bis zu zwei Euro. Überhaupt ist hier alles lächerlich billig.

Abgesehen vom Tee. Jedenfalls jener der mir bisher begegnet ist. In meiner Nachbarschaft betreibt eine der größeren Teeplantagen einen eigenen Laden, bietet ein beachtliches Sortiment eigener Produkte an, westlich-schick verpackt, samt englischer Beschreibungen und EU-Biosiegel. Natürlich ist das dann teuer. Die nutzen eben schon die große Spanne der Direktvermarktung und den Touristenaufschlag aus. Zu Vergleichszwecken habe ich trotzdem eine Dose Matcha mitgenommen, zu einem Kurs, bei dem mir selbst ein Drittel noch zu viel als Einkaufspreis wäre. Zum Glück habe ich von meinem thailändischen Helferlein bereits ein paar Preise recherchieren lassen, die mehr Hoffnung machen. Fraglich ist da noch, ob die Qualität für den europäischen Markt ausreicht, ob vielleicht auch Bio drin ist, wo es mangels Lizenz gar nicht draufsteht. Das wird sich zeigen.

Zwischen Café und Bussteig passt immer noch ein Essstand. In diesem Falll mit Popcorn. Es gibt aber auch solche mit panierten, frittierten Insekten.

Zwischen Café und Bussteig passt immer noch ein Essstand. In diesem Falll mit Popcorn. Es gibt aber auch solche mit panierten, frittierten Insekten.

Jetzt muss ich erstmal noch gesünder werden, damit ich ab morgen die Sonne ertragen kann. Der berühmte weiße Tempel, den ich unbedingt sehen wollte, für den aber lange Hosen Pflicht sind, fiel heute schon aus. Dafür hat die Kraft nicht gereicht. Jetzt ist hier später Nachmittag, die Sonne ist im Dunst verschwunden und die Stadt erwacht langsam aus der Hitzestarre. Ich sitze in einem Café am Busbahnhof, schaue mir das Treiben an und freue mich auf auf ein frühes Abendessen, sobald der Nachtbasar wieder öffnet.

Wieder Thailand, nur ganz anders

Frühstück auf thailändisch - in der McDonalds-Variante: Chicken-Porridge mit Ei und Thaigras, dazu keine Apfel- sondern eine Eiertasche.

Frühstück auf thailändisch – in der McDonalds-Variante: Chicken-Porridge mit Ei und Thaigras, dazu keine Apfel- sondern eine Eiertasche.

Da sitze ich also wieder in Bangkok. Ganz plötzlich, so kommt es mir vor. Momentan warte ich darauf, dass ich mein Hotelzimmer beziehen darf. Nichts brauche ich gerade dringender, als ein eine Dusche und ein Bett. Von den vergangenen 45 Stunden habe ich nämlich nur zwei geschlafen. Kein Wunder, dass mir Bangkok so surreal vorkommt. Wobei das Bild, das sich mir just in diesem Moment bietet, auch wirklich grotesk ist: Ich sitze bei McDonalds und alle anderen Tische sind besetzt. Jeder – aber wirklich ausnahmslos jeder Gast ist primär mit seinem Handy beschäftigt, nebenbei vielleicht mit Essen oder seinem Gegenüber. Die Smartphone-Manie ist hier definitiv noch krasser als in Deutschland.

Nun muss ich aber warten. Also der Reihe nach: Dass ich lange vier Wochen nicht gebloggt habe, lag zunächst mal daran, dass mir nichts mehr erzählenswert erschien. Auch mein Witwer-Alltag dreht sich eben in Schleifen. Und irgendwie kommt alles so, wie es andere Trauernde auch schon beschrieben und prophezeit haben. Mal habe ich gute Tage, dann wieder schlechte, mal lähmt mich jeder Gedanke an Johannes, mal treibt mich der Trotz an. Auch das folgende Bild stammt nicht von mir, ich kann es aber bestätigen: Die Trauer ist wie ein großer Felsbrocken, der einem im Weg liegt. Um voranzukommen, muss man ihn abtragen, Schicht für Schicht. Am Ende bleibt nur ein handlicher Stein übrig, den man einstecken und fortan mit sich herumtragen kann. Neulich war es mir, als hätte ich den Kiesel schon in der Tasche. Wenig später merkte ich, dass der dicke Brocken doch noch da ist.

Eine Woche lang hatte ich gute Ablenkung durch Besuch aus London. Männlich, niedlich, lieb und mir sehr zugewandt war er. Das hat vor allem mal gut getan. Auch wenn ich gleichzeitig gemerkt habe, wo meine Grenzen emotional doch noch sind. Sobald da so etwas wie Bindung oder Verbindlichkeit aufkommt, schrecke ich zurück. Nicht dass mich das wundern würde.

Ansonsten drehen sich meine Gedanken und Sorgen aber ganz überwiegend um meine berufliche und finanzielle Zukunft. Seit gestern bin ich offiziell in Wiedereingliederung. Die Kasse zahlt nur noch einen Teil des Krankengeldes, den Rest darf mein Arbeitgeber tragen. Der bin ich nun zufällig selbst, also heißt die Regelung einfach nur: weniger Geld. Dafür mit der Option, nun auch arbeiten zu dürfen. Womit wir langsam zu Bangkok kommen. Denn diesmal ist alles anders als im Oktober.

Ich bin hier auf Geschäftsreise. In den vergangenen Wochen ist mein Entschluss gereift, den Faden mit „dreikraut“ wieder aufzunehmen, der mir im vergangenen Jahr aus den Händen geglitten ist. dreikraut e.K., wer es nicht weiß, ist der Name unter dem ich mit Naturprodukten handeln will, vornehmlich mit besonderen Tees. Vor genau einem Jahr habe ich das Projekt gestartet, im Handelsregister eintragen lassen, viel Geld in erste Einkäufe gesteckt – und dann ruhen lassen, als sich die Krankheit zuspitzte.

Inspiration für dreikraut war – wie könnte es anders sein – mein geliebter Mann. Seine vielschichtige Behandlung bestand unter anderem ja auch aus Weihrauch, Kurkuma und Matcha-Grüntee, die er begleitend einnahm. Alle drei aus guten Gründen. Alle drei hatte ich deshalb zunächst importiert. Und immerhin: Meine dreikraut-Weihrauchkapseln gibt es jetzt schon auf Amazon – und ich kann mit Stolz sagen, dass ich jeden Teil der Herstellung selbst in der Hand habe und mit Sicherheit ein gutes Produkt hinbekommen habe. In den kommenden 13 Tagen werde ich nun in den äußersten Norden Thailands reisen und nach Bezugsquellen für Tee suchen. Dazu in Kürze mehr.

Johannes habe ich sicher im Gepäck. Er ist nicht nur mit dem Anfang dieses Unternehmens verbunden, sondern auch mit seiner Zukunft. Auf dem Sterbebett hat er gegenüber seinen Eltern zu Protokoll gegeben, er wünsche mir „einen Erfolg.“ Er war zu diesem Zeitpunkt schon in jener Welt zwischen Leben und Tod, nicht mehr ganz er selbst. Dennoch hallen die Wort in mir nach. Was für einen Erfolg, haben meine Schwiegereltern gefragt. „Das ist gleich.“ „Ach, damit er stolz auf sich sein kann?“ „Ja genau.“

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