Month: Oktober 2015

Unterwegs mit Johannes

Wo ist eigentlich Johannes geblieben? Während der ersten Chaostage in Bangkok habe ich tatsächlich nur wenig an meinen geliebten Mann gedacht. Zu sehr war ich da mit meinen praktischen Problemen und dieser betörenden, fremden Stadt beschäftigt. Ab und zu ist er in mir kurz aufgeblitzt, wenn ich Dinge getan habe, die prädestiniert waren für uns beide. Etwa, als ich alleine am Sushi-Karussel saß und mir die bunten Teller geangelt habe. Oder bei der Fahrt mit dem Longtail-Boot durch Bangkoks Kanäle. Da hatte ich plötzlich einen Moment des ruhigen Genießens – und sofort fehlte mir Johannes schmerzhaft. Zum ersten Mal nach etwa einem halben Jahr war ich auch wieder im Fitnessstudio. In unser Stamm-Studio in Vohwinkel habe ich es noch nicht geschafft, dafür war ich dann in Bangkok bei Fitness First. Bei dem Training mit Blick auf die dunstige Skyline war er auf Schritt und Tritt dabei, zumal die Übungen an den Geräten immer etwas nach innen gekehrtes sind.

Einen denkwürdigen Moment hatte ich, als ich mehrere Stunden lang mit einem charmanten, jungen Philippino sprach, der als Grundschullehrer in Bangkok arbeitet und mir nachts in einem einschlägigen Etablissement begegnet war. Auf einem Schaukelstuhl, im Halbdunkel einer Dachterrasse, fragte er mich irgendwann nach dem Ring an meiner Hand. Und erfuhr so von Johannes. „Oh my god“, war das Einzige, das er hervorbrachte. Immer wieder. Erst entsetzt, dann klagend, schließlich unter Tränen. So viel Mitgefühl hat mich etwas irritiert, aber auch gerührt. Nun musste ausgerechnet ich also ihn trösten.

Selbst finde ich nach wie vor keinen Trost. Im Gegenteil: Seit ich auf dem Schiff bin, ist Johannes allgegenwärtig. Rund 50 Tage haben wir insgesamt mit Kreuzfahren verbracht. Praktisch alles hier an Bord verbinde ich mit ihm. Das Frühstück schmeckt geradezu nach Johannes, weil es bei Royal Caribbean bei aller Auswahl eben immer die gleichen Dinge gibt und weil wir beiden Spätaufsteher das Frühstück immer alleine zelebriert haben. Besonders schlimm waren – wie erwartet – das Einchecken, der erste Gang an Bord, die Sicherheitsübung an Deck und das Auslaufen. Allesamt eigentlich Momente der Vorfreude, in denen er mir so sehr fehlte, dass ich den Gedanken kaum beiseite schieben konnte. Überhaupt: Meine Verfassung hängt ganz einfach davon ab, wie sehr ich die Erinnerungen an mich heranlasse. Meistens, insbesondere in Gesellschaft, drücke ich lieber den Deckel auf die Gefühle. Am ersten Tag der Kreuzfahrt war das aber kaum zu schaffen. Spätabends, als meine drei Mitreisenden sich schon ins Bett verabschiedet hatten, bin ich also noch nach draußen gegangen, so weit nach vorne auf das Schiff, wie es geht, auf eine einsame Liege im Dunkeln und habe in die schwülwarme, sternenlose Nacht geheult bis ich keine Kraft mehr hatte. Das war dringend nötig.

Es ist knapp vier Jahre her, da hatte ich Johannes in einer ähnlich warmen Nacht auf einem Schiff in der Karibik ins Dunkel des Bugs geführt. Auf einer Bank saßen wir eng umarmt, während kräftiger, warmer Wind an uns zerrte. Ich erinnere nicht mehr die genauen Worte, die ich leise und bedächtig in sein Ohr gelegt habe. Aber ich habe von uns, von dieser Reise und der großen Reise des Lebens gesprochen, die ich gerne mit ihm verbringen wollte, egal wohin sie uns auch führen werde. „Willst Du auch? Willst Du mich heiraten?“ Er hat einen Atemzug lang gezögert, bevor er Ja sagte, aber wohl nur, um diesen magischen Moment noch etwas auszukosten. Die Entscheidung hatte er längst getroffen. Später haben wir dann mit unseren Freunden noch auf die Verlobung angestoßen. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben war mir etwas wirklich Großes geglückt.

Unterwegs

Es ist so vieles passiert, seit ich zuletzt aus Bankgkok geschrieben habe. An dieser Stelle sei also nur kurz aufgelistet, was alles eine Erzählung wert gewesen wäre:

  • wie ich die thailändische Go-Association ausfindig gemacht und besucht habe, wo ich mir mit einem einheimischen Schüler zwei spannende Duelle lieferte.
  • wie ich verzweifelt versucht habe, eine Handvoll Thailändisch zu lernen, wie sich die Worte aber jedem Versuch der korrekten Aussprache entzogen haben.
  • wie ich mich Schritt für Schritt dem thailändischen Streetfood genähert habe, bis ich am letzten Tag sogar an vier Ständen zugeschlagen habe (toll!).
  • wieso dieser völlig irrsinnige, scheinbar regelbefreite Verkehr in der Stadt trotzdem auf wundersame Weise funktioniert – und das ganz ohne Hektik, Hass und Hupen.
  • warum ich nach zwei Thai-Massagen in Bangkok unbedingt eine dritte beim nächsten Thailand-Landgang haben will.
  • wie ich in Chinatown zufällig auf die Prozession einer buddhistischen Gemeinde stoßen bin. Das war Tradition ohne Folklore, mit echten China-Böllern, Feuer speihenden Drachen und wilden Trommeln.
  • weshalb Singapur und ich nicht wirklich Freunde geworden sind
  • Wie sich das kleinste Schiff der RC-Flotte bisher im Vergleich zu den Größeren schlägt, die wir sonst immer so gefahren sind.

Eine Lektion in buddhistischer Gelassenheit

Um diesen Eintrag habe ich mich regelrecht gedrückt. Denn auch wenn ich hier hauptsächlich für mich selbst schreibe, fällt es mir schwer einzugestehen, dass ich vorgestern wohl unfassbar bescheuert war. Ich könnte es mir einfach machen und vermelden: Der Koffer ist wieder da, das iPhone weg. Doch dabei würde ich  ein entscheidendes Detail unterschlagen. Das iPhone ist nämlich wieder weg. Denn zunächst mal ist es in einer filmreifen Aktion zurück in meine Hände gelangt.

Stunden nach dem Erstkontakt mit der mutmaßlichen Finderin hat sie sich  wieder gemeldet. Ich saß gerade in der Lobby – schließlich wartete ich ja auch noch auf meinen verschollenen Koffer. Chaw, ein zierlicher Rezeptionist, verhandelte am Telefon mit ihr. Zum Hotel wollte sie nicht kommen, stattdessen bestimmte sie als Treffpunkt den Starbucks in  einem entfernteren Einkaufszentrum. Chaw schlug mir schließlich vor, mich dorthin zu begleiten. Das war mir sehr recht, schließlich wollte ich, falls möglich, auch noch den Finderlohn auf ein thailändisches Normalmaß herunterhandeln. Eine halbe Stunde  später saßen wir auf einer Bank im Einkaufszentrum „Terminal 21“,  nahe dem Starbucks, und fahndeten misstrauisch nach einer verdächtigen Frau in dem Gewusel.

Ist es die da?  Was  ist, wenn sie zu zweit oder dritt kommen? Wenn sie uns nur das Geld abnehmen wollen? Wenn das Handy gar nicht meins ist, sondern ein Plagiat? Wenn die Verhandlungen  schwierig werden? Chaw erwies sich als ein ganz Ausgebuffter und fädelte es so ein: Er ließ sich einen 1000-Baht-Schein von mir geben (25 Euro). Ich sollte behaupten, selbst  nur noch 1000 zu besitzen (schließlich hatte ich ja mein Gepäck verloren) und er würde dann vorgeben, mir den anderen Tausender zu leihen. In Summe also 2000, statt der ausgelobten 4000.

Dann tauchten sie endlich auf:  Zwei freundliche, junge Frauen und ein kleines Mädchen. Was waren wir erleichtert! Die drei waren kurz nach mir Fahrgäste in dem Taxi und hatten dabei mein iPhone aufgelesen. Wir setzten uns also kurz zusammen, Chaw übernahm die Verhandlung, erzählte von meinen Katastrophen, löste großes Staunen und viele „Ahs“ und „Ohs“ aus. Ich verstand nichts und nickte freundlich.  Als  es  ans Geld ging, wurden die Mienen kurz eisiger, die junge Finderin hatte sich wohl  schon gefreut.  Wir zogen aber unser einstudiertes Schauspiel durch – dann war plötzlich alles ihn Ordnung. Scheine und Handy getauscht, schnell noch  reihum Erinnerungsfotos gemacht. Happy End! Zumindest für 20 Stunden.

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Für den nächsten Morgen hatte ich mir eine freie Stadtführerin organisiert, die mir für ein überschaubares Honorar ihre Stadt zeigen sollte. Um 10 Uhr ging es los und um 17 Uhr, dem offiziellen Führungsende, machte Jam noch immer unverdrossen weiter. Da waren wir bereits mit dem Linienboot den Chao Phraya hinaufgefahren, waren zu Fuß durch Thonburi gestreift, die ehemalige Hauptstadt Siams, durch ein wunderbar friedliches Slum und hatten einen Lokschuppen erkundet, in dem die Dampfloks zu des Königs Ehren stehen und auf ihren Einsatz warten, hatten in einem Tempel gesessen, waren im Longtailboot durch Bangkoks Kanäle gerauscht, hatten unterwegs Fische gefüttert, uns traditionell bekochen lassen und Krokodile bestaunt. Viele der Punkte waren „off the beaten track“ und damit genau nach meinem Geschmack. Nebenbei hat Jam mir erfrischend natürlich die Thais und sich selbst erklärt. Das war bis dahin ein ganz wunderbarer Tag. Danke, Jam!

Bei der Zugabe sollte es noch durch Chinatown gehen. Und auf der Taxifahrt dorthin hatte ich mal wieder zu viel im Kopf, in den Händen und… ja, leider… auch in den Taschen. Kaum ausgestiegen, die ersten Schritte im Getümmel gegangen, bin ich auch schon schier zusammengebrochen. Nicht schon wieder das iPhone! Ich muss ziemlich dämlich ausgesehen haben, wie ich da auf der Straße ausgeflippt bin, auf Englisch fluchend, die Haare raufend, wie Rumpelstilzchen stampfend. Das war einfach zu viel für mich.

Diesmal wusste ich ja schon, wie das mit dem Smartphone-verfolgen funktioniert. Wir haben augenblicklich die Fährte aufgenommen, sind dem leuchtenden Punkt auf der Karte hinterhergerannt. Kurz, kreuz und quer durch Chinatown. Dann war es vorbei: Der Dieb hat mein iPhone aus- und seitdem nicht wieder eingeschaltet. Wie groß der Frust diesmal war, lässt sich nicht in Worte fassen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als eine Lektion in buddhistischer Gelassenheit zu lernen. Die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. „Focus on the present“, riet Jam mir eindringlich. Die Vergangenheit sei vorbei und die Zukunft ungewiss. Nur die Gegenwart könne ich genießen und gestalten. Sie hat ja so Recht.

 

… und noch eins und noch eins

Das Beste vorweg: Ich bin nicht abgestürzt. Der Flug mit Eva Air war ganz angenehm, ich durfte in der Premium Economy Class Platz nehmen und konnte mich in alle Richtungen ganz gut ausbreiten. So waren sogar vier, fünf Stunden Schlaf drin. Doch Kataströphchen Nummer drei ereilte mich noch kurz vor Abflug, als man mich am Gate ausrief und mir am Schalter erklärte, dass mein Gepäck es leider in den vergangenen Stunden nicht von Terminal 5 nach Terminal 2 geschafft habe Es werde mir deshalb mit dem nächsten BA-Flug am Dienstag nachgeschickt. „Bitte unterschreiben Sie hier, dass Sie damit einverstanden sind.“ Na toll, was sollte ich denn sonst tun?

Nach einigem hin und her am Bangkoker Flughafen, hat Eva Air schließlich versprochen, mir den Koffer, sobald er denn dort aufschlägt, in mein Hotel zu liefern. Bis ungefähr heute Mittag, sollte das gelingen. Nun ist es hier 15.30 Uhr und von meinem Koffer fehlt natürlich noch jede Spur. Also muss ich wohl gleich mal dort anrufen.

Gestern Abend bin ich dann notgedrungen durch ein nahe gelegenes Einkaufszentrum gestromert und durch die Straßenmärkte, die es abends gefühlt überall gibt. Bei H&M habe ich eine kurze Hose erstanden (überlebensnotwendig!) und auf den Märkten T-Shirts, etwas Unterwäsche und Kosmetika. Müde und erschöpft von Flug und Hitze, habe ich nur ein kleines bisschen gehandelt, aus Höflichkeit sozusagen, aber schnell eingewilligt und sicherlich immer zu viel bezahlt.

Die vierte Katastrophe folgte wenig später. Dank Jetlag ging`s mir nach Mitternacht eher wieder besser, also bin ich noch in eine nahe Disko gegangen, die legendäre DJ Station. Dort sollte es jeden Abend voll sein – was ich nur bestätigen kann. Ein putziger Thai mit reichlich Bezug zu Deutschland hat mich angesprochen, was überraschend nett wurde. Also sind wir später noch ein Bier in der berüchtigten Khaosan Road trinken gefahren. Auf dem Rückweg im Taxi ist mir dann offenbar mein funkelnagelneues iPhone aus der doofen, neuen Hose mit ihren schlabberigen Taschen gerutscht. Sekunden nach Ankunft ists mir aufgefallen, aber das Taxi war schon wieder weg. Und dann wurde es dramatisch: Mein lieber Begleiter telefonierte auf mein Drängen hin sofort mit der Taxi-Gesellschaft, die versprachen, per Funk nach dem Handy zu fahnden. Kaum aufgelegt, machte er mir aber wenig Hoffnung: „If it`s in the Taxi, you have no chance.“ Das bestätigte mir wenig später auch der Junge von der Nachtschicht im Hotel. Wenn Thais etwas Wertvolles finden, dann behalten sie das auch. Abgeben? Fundbüro? Finderlohn? Alles unbekannt.

Doch ich habe noch nicht aufgegeben: Mit dem iPad konnte ich mein iPhone orten. Es war noch ganz in der Nähe, der Punkt auf der Karte metergenau. Supasit, der junge Portier, schmiss sich sofort in sein Auto, mich auf den Beifahrersitz und wir sind losgebraust. Das Taxi leider auch – plötzlich war es acht Kilometer weit weg. Supasit hat das nur angespornt, er hat filmreif alles weggehupt, was sich in den Weg stellte, hat todesverachtend rote Ampeln überfahren, hat mir zwischendurch mit seinem Handy den Netzzugang für die Ortung verschafft. Wir waren ein tolles Team. Doch je näher wir dem Zielpunkt kamen, desto ungenauer wurde die Ortung. Schließlich war es nur noch ein Radius von etwa zwei Kilometern. Und da ist selbst nachts ein parkendes Taxi in Bangkok kaum aufzufinden. Supasit legte sogar mehr Elan und Optimismus an den Tag als ich – was etwas heißt – aber nach einer halben Stunde durch die Schlaglöcher eines dubiosen Viertels, hat er sich zur Aufgabe überreden lassen.

Nach drei Stunden komatösen Notschlafs habe ich mich hochgequält und noch einen letzten Versuch unternommen. Meinem vermissten iPhone ging nämlich der Saft aus, den Batteriestand meldete es permanent an mein iPad. Doch was ich nachts in der Hektik übersehen hatte: Man kann verlorenen iPhones auch eine Nachricht schicken, die ohne Sicherheitsabfrage im Display erscheinen. Entdeckt, getan: „If you find this iPhone: My name is Erik Schweitzer, i give you a reward of 4000 Baht, if you return it to my hotel, Adress…“ Und eine Telefonnummer.
Zwei Minuten später klingelt es auf meinem Zimmer: Eine Frau sagt etwas auf Englisch, irgendetwas von einem iPhone. Hurra! Ich denke, es ist die Rezeption, aber es ist die Finderin selbst. Leider verstehe ich nicht, wo sie sich zur Übergabe treffen will und sage ihr, sie soll nochmal anrufen und es dem Hotelpersonal erklären. Sie willigt ein. Doch seitdem ist kein Anruf an der Rezeption mehr eingegangen. Ich vermute, dass sie von meinem iPhone aus angerufen hatte, dem dann die Puste ausging. Jetzt wird sie hoffentlich versuchen, es irgendwie aufzuladen und mich wieder kontaktieren. Ich bin da ganz optimistisch, weil 4000 Baht immerhin 100 Euro sind. Viel Geld für mich, aber noch viel mehr für die meisten Thais.

Soweit die Lage. Ich bin fassungslos, wie viel Pech in so kurze Zeit passt, aber ich weiß inzwischen ja,  dass das Leben nicht fair ist.

… und noch ein Kataströphchen

So schnell werden Träume wahr: Vor zwei Nächten erst habe ich davon geträumt, den Flieger zu einer großen Reise zu verpassen – und zack, schon ist es soweit. Von wegen, es kann nur noch besser werden. Soeben bin ich also in London hängen geblieben. Ist wohl nicht mein Tag (siehe unten).

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Dabei ließ sich die Fliegerei ganz harmlos an: Knapp zwei Stunden Aufenthalt in London sollten doch reichen. Doch erst sind wir 20 Minuten später gestartet, standen in Heathrow dann lange auf dem Rollfeld rum und haben schließlich noch auf die Treppe gewartet. Schwupps fehlte eine Stunde. Dann lange Wege, Security-Schlange und… ja, es ist mir etwas peinlich… noch ein Telefonat nach Hause. Ich habe nachgeschaut: Genau 8 Minuten habe ich unterwegs verquasselt und bin dann losgerannt. Doch am Gate gab es 15 Minuten vor Abflug nur noch Schulterzucken. Seit 7 Minuten sei geschlossen. Genau genommen hatte ich also kaum eine Chance.

Das sah British Airways zum Glück genauso und hat mir anstandslos mehrere Alternativen angeboten. Ich habe mich für die schnellste entschieden und darf nun, nach „nur“ fünf Stunden Wartezeit mit der thailändischen Eva Air nach Bangkok fliegen. Immerhin: Die sind deutlich besser gerankt als BA, also wirds schon nicht so schlimm. Dazu gab`s nen 10-Pfund-Gutschein für die Flughafengastronomie. Das ist gut. Nach dem Verlust heute Morgen kann ich jede Zuwendung gut brauchen. Und versprochen: Das ist der letzte Post für heute. Falls Eva abstürzen sollte, berichte ich davon erst morgen.

Zum Start eine Katastrophe

Es ist, als hätte das Schicksal mir ein wenig nachhelfen wollen, diese Reise nicht anzutreten. Heute um 10.55 Uhr, noch 35 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges Richtung Flughafen Düsseldorf, habe ich einen strammen Zeitplan. Ich muss noch mein Auto vom Reifenwechsel abholen, die letzten Dinge in den Koffer werfen und dann schnell zum Bahnhof. In diesem Moment stehe ich gerade beim Friseur und will bezahlen. Doch die Geldbörse ist weg! Ein Riesenschreck – die habe ich wohl gerade beim Warten im Café Backhaus liegengelassen. Hingesprintet, nachgeschaut, nachgefragt: Nichts. Eine Oma verrät mir, dass an meinem Platz bis eben noch drei „junge Leute“ saßen und raunt mir zu: „Das waren Ausländer!“ Wer auch immer es war: Er hat ihn nicht im Café abgegeben. Ich renne zurück, um die Ecke ist die Polizeiwache. Auch dort nichts. Panik! In dem Geldbeutel waren 450 Euro, 60 Dollar von der letzten Reise mit Johannnes, meine neue Visa-Karte, der Perso und meine Reisekassen-Sparcard. Diesmal war ich nämlich besonders gründlich und wollte mit Netz und doppeltem Boden reisen. Plötzlich ist die schöne Sicherheit weg. Und der Zug auch.

Also schnell die Friseurin vertrösten. Samira kennt mich gut, kannte auch Johannes, hat kein Problem zu warten. Auch der Autoschrauber ist gnädig, schreibt mir eine Rechnung. Zuhause liegt noch etwas Bargeld und der Reisepass – der passt schließlich nicht in die Geldbörse. Ich schnappe mir beides, packe hektisch den restlichen Koffer und rase zur Firma, in der mein lieber Schwiegervater arbeitet. „Du bist gar nicht da…“, sagt er etwas verdattert, als er mich sieht. „Schön wär`s. Kannst Du mich zum Flughafen fahren?“ Kann er zum Glück. Die Straße ist auch frei, es platzt kein Reifen und der Himmel fällt uns nicht auf den Kopf. So bleibt schließlich noch genug Zeit, um am Gate diese Zeilen zu schreiben. Die Trauer ist ausnahmsweise gerade mal von ganz profanem Verlustschmerz überlagert. Und von dem Ärger, jetzt wieder ganz ungesichert loszufliegen. Naja. Dafür kann es ab jetzt eigentlich nur noch besser werden.

Auf der Suche nach Vorfreude

IMG_5496Keine zwölf Stunden mehr bis der Flieger geht – und eben habe ich allen Ernstes überlegt, nicht einzusteigen und die Reise einfach sausen zu lassen. Es kommt mir alles so falsch und sinnlos vor. Hier bin ich Johannes doch am nächsten, was soll ich da so weit weg? So lange? Immer wieder muss ich auf das Bild schauen, das uns bei der ersten Kreuzfahrt in der Karibik zeigt, wo er so ruhig und glücklich strahlt. Nur wenige Tage bevor wir uns verlobt haben, wenige Monate vor der Diagnose. Wer seine Verkrampfungsneigung vor Kameras kennt, der weiß, wie ungewöhnlich dieses Bild ist.

Er fehlt mir gerade so schrecklich, dass ich wie gelähmt bin. Das ganze Vorhaben erscheint mir bedeutungslos und in erster Linie bloß anstrengend. Der Koffer ist aber weitgehend gepackt. Darin der gleiche Anzug, die gleiche Krawatte, die ich auch auf dem Bild trage. Beim Packen musste ich mich leider auch einmal quer durch unsere Kleiderschränke wühlen, vorbei an seinen griffbereit liegenden Sportsachen und dem T-Shirt, in dem er mich  jahrelang am liebsten gesehen hat.

Wahrscheinlich mache ich mich nachher trotzdem auf den Weg. Aber eher aus Feigheit. Aus der Feigheit, so viel Planung, Geld und Erwartungen über Bord zu werfen. Ein wenig vielleicht auch aus der Erfahrung heraus, dass es rückblickend meistens viel besser ist, etwas getan als etwas gelassen zu haben.

So nah und so fern

Gestern war ich zum ersten Mal seit der Beisetzung an Johannes Grab. Ja, zum ersten Mal, nach beinahe sechs Wochen. Ich habe mich selbst gefragt, woran das liegt. Eine Art Gleichgültigkeit, weil dieser Ort doch gar nicht so viel mit Johannes zu tun hat? Oder schlicht Angst? Jetzt weiß ich es: beides stimmt.  Meine Schwiegermama hat den Anstoß gegeben und gefragt, ob wir uns nicht auf ein Stück Kuchen am Friedhof treffen wollen. Da wusste ich plötzlich, dass ich vor meiner Abreise am Montag auf jeden Fall dorthin will. Also abgemacht. Genauso spontan und natürlich erschien es mir, auf dem Weg dorthin ein paar Rosen mitzunehmen. Ich konnte doch nicht mir leeren Händen vor ihm stehen! Und er hat sich immer so gefreut, wenn ich Blumen mit nach Hause gebracht habe.

Grab

Ojeh, war das dann zwiespältig am Grab. Irgendwie war er mir ganz nah, gleichzeitig so weit weg. Beides tat weh. Der namenlose Haufen Erde, die Pflanzen darauf waren mir fremd, der Gedanke an das, was von Johannes wohl da unten lag, war auch nicht gerade tröstlich. Außerdem haben die Friedhofsgärtner nebenan einen Höllenlärm veranstaltet, so dass ich nach fünf jämmerlichen Minuten auch schon ins Lokal geflüchtet bin. Es wurde ein trauriges Kuchenessen. Und trotzdem gut so und wichtig.

Jetzt kann ich mich auf den Weg machen. Auf eine Reise, die vor mehr als einem Jahr zusammen mit Johannes geplant war. Natürlich war das sehr ambitioniert, aber so sollte es auch sein. Ein Ansporn für ihn um gesund zu bleiben. Ein kühnes Ziel, aber kein utopisches, angesichts seiner fantastischen Verfassung im September 2014. Nun steht mir die erste Kreuzfahrt ohne Johannes bevor – und ich kann mich nicht darauf freuen. Allein der Gedanke an das Einschiffen lässt mich schaudern. Was gemeinsam immer ein Fest war, die Bordkarten in Empfang zu nehmen, erstmals die Gangway hinaufzugehen, dürfte diesmal einfach nur wehtun. Wie so maches auf der Kreuzfahrt, die doch so reich an Ritualen ist: Die ausgiebigen, mehrgängigen Abendessen zu viert, die allabendlichen Shows im Theater, die Formal Nights, für die wir uns immer vorher auf der Kabine in Schale geworfen haben. Das wird diesmal alles sehr schwer. Darum bin ich auch ganz froh, noch etwas Urlaub vorneweg und hintendran gehängt zu haben: sechs Nächte Thailand – da wollte Johannes sowieso nie hin – und vier Nächte Hongkong. Da bin ich zwar überall auf mich alleine gestellt – aber das bin ich jetzt ja ohnehin.

Galerie der Tränen (2)

Die Erkältung ist so gut wie weg, also ist auch wieder mehr Kraft zum Trauern da. Anlässe gibt es, wie schon erwähnt, täglich jede Menge. Hier ein paar weitere (Texte in der Großansicht):

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Im Nebel

Seit drei Tagen bin ich erkältet. Die Nase läuft, der Kopf ist schwer, ich niese dauernd – und irgendwie fühle ich mich wie zugedröhnt. Das ist gar nicht so übel. Denn seit ich mit meiner Erkältung ringe, merke ich von der Trauer weniger. Vermutlich fehlt mir einfach die Kraft dazu. Außerdem scheint hier seit Tagen unentwegt die Sonne, auch das  mildert die Trübsal. Von der Stimmung her stecke ich aber eher im Nebel, alles ist etwas blass, grau und unscharf. Dafür tut’s nicht so weh.

Auf der Couch versumpfen kommt derzeit trotzdem nicht in Frage. Dafür ist zehn Tage vor der Abreise einfach zu viel zu tun. Außer den Reisevorbereitungen und ersten Schritten zur Rückkehr in die Selbstständigkeit steht noch ein Go-Turnier am Wochenende an. Mitte der Woche erwarte ich zudem Besuch zur Essener Spielemesse, Philipp und Oli aus Stuttgart wollen für fünf Tage hier ihr Basislager aufschlagen. Dann wird wohl zum ersten Mal seit Johannes gegangen ist, wieder richtig in der Küche gekocht. Darüber hinaus habe ich mir drei eher innere Herausforderungen vorgenommen: 1. Will ich endlich die Zuzahlungsbefreiung bei seiner Krankenkasse beantragen. Darum drücke ich mich bisher nicht nur wegen der nervigen Bürokratie, sondern wegen der ganzen Belege, die ich dann sichten muss. Das ist massive Auseinandersetzung mit seinem Krankheitsverlauf. 2. Johannes‘ Ergotherapie-Praxis weiß wohl noch gar nichts von seinem Tod. Außerdem haben sie noch eine Töpferarbeit von ihm, an der ihm sehr lag. Er wollte, dass sie irgendwo gebrannt wird. So sei es. 3. Will ich in „unser“ Fitnessstudio. Das ist wie kaum ein anderer Ort für mich mit ihm verknüpft. Mal schauen, wie es mir damit geht. Aber erstmal muss ich wieder etwas gesünder werden, erstmal muss sich der Nebel lichten.

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