Nachtarbeit

Manchmal kommt es mir so vor, als müsse ich mich tagsüber davon erholen, was ich nachts so treibe. Und damit meine ich nicht die lange Samstagnacht in Barcelona oder die drei Bier gestern Abend. In letzter Zeit ist viel in meinen Träumen los. Mein geliebter Johannes taucht dann auf. Mal ist er gebrechlich und pflegebedürftig, mal nur unmerklich krank. Krank ist er leider immer. Aber es tut nicht immer gleich weh. Manchmal bin ich einfach nur glücklich, dass er wieder da ist. Da macht es fast nichts aus, wenn in mein Bewusstsein die Erkenntnis sickert, dass er ja schon tot ist und seine Erscheinung womöglich gar nicht real. Das schiebe ich dann schnell beiseite. Die Bilder sind auch, wenn ich sie mir jetzt vor Augen rufen will, sehr verschwommen. Nur Fragmente kann ich erinnern. Etwa, dass wir zu zweit auf einer Art Kettcar durch die Nacht strampeln. Irgendwelche Aufgaben haben wir zu erfüllen – oder sind wir auf der Flucht? Ach, vielleicht beides. Es ist ohnehin mehr ein Gefühl davon übrig geblieben. Das von Nähe und Geborgenheit, wir wir da eng aneinander geschmiegt auf diesem gebrechlichen Vehikel sitzen. Das von gemeinsamer Stärke und Unbezwingbarkeit, veredelt durch ein wenig Verzweiflung.

Das Futter für derlei Träume liefert mir meine Trauerarbeit am Tage. Zum Beispiel habe ich jetzt die Speicherkarte unserer kleinen Digital-Knipse ausgelesen. Darauf waren unter anderem noch Bilder von unserem letzten Ausflug nach Holland, den er noch halbwegs genießen konnte. Da sind wir, obwohl es zwei Wochen später in eine Ferienwohnung an den Strand von Den Haag gehen sollte, schonmal spontan auf die Halbinsel Voorne gefahren, südlich von Rotterdam. Schnell losfahren, solange es nocht geht! Die Bestrahlung seiner Rückenmarks-Metastasen lief noch und er war währenddessen täglich etwas schwächer geworden. Das haben wir vor allem auf die Unmengen von Kortison geschoben, dier er nehmen sollte, damit es nicht auch noch zu Schwellungen im Rückenmark kommt. Das hätte Querschnittslähmung und Rollstuhl bedeutet. Doch die große Schwäche zwang ihn auch so schon an den Rollator. Jeder Gang, jedes Vergnügen bedeutete plötzlich so große Mühen. Aber wir waren sicher, dass er da mit Training wieder rauskommt. Er war so unfassbar zäh und tapfer.

Die Erinnerungen schmerzen umso mehr, je näher sie sich dem Ende nähern. Auch deshalb, weil ich wieder fühle, wie verzweifelt optimistisch wir waren. Knapp vier Wochen vor seinem Tod habe ich überhaupt erst in Betracht gezogen, dass er sehr bald sterben könnte.  Dessen sicher war ich mir erst eine Woche vorher. Alle anderen waren da schneller. Realistischer. Die Bilder des toten Johannes gibt es auch, ich kann sie momentan aber noch nicht ertragen. Die folgenden Fotos aus Rotterdam sind schon schlimm genug. Auffällig finde ich, dass ich während dieser zweieinhalb Tage hauptsächlich Johannes fotografiert habe, inzwischen ganz unverhohlen. Der imposante Hafen oder das pittoreske Fischerstädtchen dienten bloß noch als Kulisse. Diese Veränderung hat er natürlich bemerkt, mich aber nicht darauf angesprochen. Ich hoffe sehr, dass ihn das Eingeständnis, das in meiner Fotowut steckte, nicht gekränkt oder entmutigt hat.

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1 Comment

  1. lieber Erik,

    einfach bewunderungswürdig was du hier durch deine Offenheit, deine Verletzlichkeit zeigend,… deine Liebe zu Johannes zeigend…
    beschreibst…

    Ich glaube nicht, dass du Johannes damit gekränkt hast… So als „Aussenstehender“ ist mein Eindruck…
    wie Johannes ja DICH, wenn DU diese Aufnahmen von IHM gemacht hast… sehr .sehr liebevoll ansieht…SEHR…

    Nach wie vor denke ich, dass ihr gerade durch diese so STÄRKE zeigend… eine doch sehr lange und selbst mit diesen Hilfsmitteln doch gute Zeit gehabt habt…
    Ich finde, dass ihr einfach beispiellos meisterhaft das LEBEN mit dem Glioblastom angenommen habt…
    Dafür gebührt euch immerwährende Hochachtung !!!

    Zu deinen Träumen…
    Es ist ein wahres Geschenk , dass du überhaupt von deinem geliebten Johannes träumst… Vielen „Hier-Gebliebenen “ ist das aus irgendwelchen inneren Gründen nicht möglich… Das habe ich von anderen gehört…
    Träume sind ja immer ein Verarbeitungsprozess und als solcher solltest du sie sehen…
    Ich habe von Burkard nur in dem „Seins Zustand“ mit dem Gefühl geträumt… auch ja durchaus bildhaft… das er neben mir stand… mich aber nicht ansah, sondern eben halt mir im Traum sagend..“Ich bin bei dir, aber doch ganz woanders“…
    Wir hatten aber auch nicht so eine lange Zeit bis das Glioblastom in unser Leben trat…
    Betrachte deine Träume als ein gutes Zeichen, egal wie sie sind…
    Du verarbeitest…

    Zu den Bildern, nach dem Johannes diese Erde verlassen hat…

    Schon immer hatte der Mensch einen Wunsch nach „Unsterblichkeit“ … auch im Angesicht des Todes…
    so entstanden Todesmasken, oder seit neuerer Zeit die Fotografien…

    Vielleicht willst du diese letzte Intimität, dass ist es ja… gar nicht mit anderen teilen… selbst wenn die Schmerzhaftigkeit mehr und mehr nachlässt ??

    So, jetzt noch etwas sehr alltägliches…
    Ich werde erst jetzt , so in ungefähr 2 Stunden von meinem Sohn abgeholt… und… es geht mir gefühlsmässig JETZT GUT… weitaus besser als im letzten Jahr…
    Das schreibe ich dir, um dir MUT zu machen…
    Die Liebe bleibt, aber die Trauer wird „anders“…

    Was ich DIR wünsche…
    eine friedvolle Zeit… mehr und mehr eine ruhige Trauer…
    dennoch gutes essen und trinken ( in Maßen …lächel)
    einfühlsame Menschen um dich …
    oder wie angedacht… eine „neutrale Umgebung“
    in der du dich aber wohl fühlst und entspannen kannst…

    Von meiner Seite her, treffen wir uns GERNE einmal nächstes Jahr…
    mit anderen zusammen bei mir…
    Sehr herzliche Grüße
    von deiner Freundin Claudia mit Burkard im Herzen und Leben

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