Month: April 2016

12050 Tage Johannes

imageHeute wäre Johannes 33 Jahre alt geworden. Wenn ihn diese beschissene Krankheit nicht aus dem Leben gerissen hätte. Das ist nun beinahe acht Monate her, doch wenn ich an einem besonderen Tag wie diesem wieder darauf schaue, dann macht es mich noch immer fassungslos. Manchmal will ich mich einfach nur wie ein trotziges Kind auf den Boden werfen und mit den Fäusten gegen dieses Schicksal trommeln. Es einfach nicht hinnehmen.

Nützt nur nichts. Also backe ich gerade einen Apfelkuchen. Das Rezept für Johannes, mit Vollkornmehl und Stevia, ganz ohne Zucker und schnell verwertbare Kohlenhydrate. Er hat sich jedes Mal so sehr darüber gefreut. Vor genau einem Jahr gab es den gleichen Kuchen. Wie wir den Tag verbracht haben, kann ich nicht mehr erinnern. Ganz schön und einfach, glaube ich, mit einem Besuch bei seinen Eltern. Mein Geburtstagsgeschenk bestand in einem Ausflug am darauf folgenden Wochenende. Ich habe ihm natürlich nicht verraten, was es genau werden würde, nur, dass er Kleidung für eine Nacht einpacken sollte.

Schlimme Kamera, schöner Moment: mit Johannes zum Geburtstagsausflug an der Pferderennbahn.

Schlimme Kamera, schöner Moment: mit Johannes zum Geburtstagsausflug an der Pferderennbahn – und beim Schnuppersegeln.

Er war schon nicht mehr ganz so fit, längere Wege machten ihm zu schaffen. Wir schrieben das vor allem der Behandlung mit dem Chemo-Hammer CCNU zu, den er neuerdings nahm. Also habe ich ihm nicht so viel zugemutet: Wir sind am Samstag nach Köln zur Pferderennbahn gefahren. Er hatte schon lange davon gesprochen, mal so ein Rennen erleben zu wollen. Der milde, sonnige Nachmittag hat dann auch richtig Spaß gemacht. Die Volksfest-Atmosphäre, die rätselhaften Riten rund um die Pferde, die Wettbewerbe und die Wetten. Wir haben auch selbst ein paar Euro gesetzt. Natürlich iImmer auf die falschen Klepper.

IMG_1209Für die letzte Stunde dort fehlte ihm dann die Kraft. Wir sind also wieder ins Auto gestiegen und in die Eifel gefahren, zur Jugendherberge im idyllischen Nideggen. Er wusste noch nicht weshalb. Ein Spaziergang im stillen Wald, ein romantisches Abendessen in der historischen Altstadt – und am nächsten Morgen dann Schnuppersegeln auf dem nahen Rurtalsee. Noch so etwas, das wir einfach mal ausprobieren wollten. Es sollte eigentlich der Testlauf für Johannes sein, ob er sich segelnd auf dem Wasser wohlfühlt. Später war an eine Tour mit den Segelrebellen gedacht, ein wunderbares Projekt für junge Krebskranke. Als Ehemann hätte ich mitsegeln dürfen. Doch es sollte eben nicht mehr sein. Jeden Tag glaubten wir daran, dass die Talsohle endlich erreicht sein müsste, dass sich sein Zustand nun wieder bessern würde. Doch jeder Tag war der beste aller verbleibenden.

imageAnfang der Woche habe ich es geschafft, jene Tonschale abzuholen, die er in der Ergotherapie gefertigt hatte, immer mit seiner störrischen rechten Hand. Lange hatte ich mich darum gedrückt. Als ich die Stufen zu der Praxis hinaufstieg wurde mir auch klar, warum. Das war wieder so ein bittersüßer Ort der Geborgenheit und der Zuversicht. Hier hat er tapfer, unermüdlich und fröhlich an seiner Genesung gearbeitet. Mit seiner Therapeutin, die mich schon erwartete, konnte ich kaum sprechen. Sie hat natürlich den Kloß in meinem Hals und die feuchten Augen bemerkt und mir schnell die Schale in die Hand gedrückt. Das blasse, verbeulte Stück Erde habe ich wie einen Schatz nach Hause gefahren. Bald will ich es noch brennen lassen, damit es nicht mehr kaputt geht.

Ein weiterer Zufluchtsort hat sich heute per Post gemeldet. Da lag doch tatsächlich ein Brief für Johannes im Kasten. Das Hotel Bayrischer Hof gratuliert recht herzlich zum 33. Geburtstag. Dort, in Heidelberg, hat er etliche Nächte während seiner Bestrahlungen verbracht. Damals noch ganz selbstständig, in einer Stimmung zwischen Verzweiflung, Trotz und Hoffnung. „Wussten Sie übrigens“, fragt der Brief Johannes, „dass Sie schon 12050 Tage auf der Welt sind?“ Aua.

Auch geträumt habe ich wieder ein paar Mal von meinem geliebten Mann. Leider ist immer noch nicht eingetreten, was mir seine Psychologin angekündigt hat, dass nach etwa sechs Monaten der kranke Verstorbene die Träume verlässt, und den Erinnerungen an den Gesunden Platz macht. Bei mir ist Johannes immer gebrechlich, sind wir beide traurig, blicken wir seinem Ende entgegen. Neu ist nur, dass ich noch schlafend bemerke, dass es sich um einen Traum handelt. Das löst gleichwertig zwei sehr gegensätzliche Gefühle aus: Zum einen bin ich niedergeschlagen, weil er schon gegangen ist. Zum anderen erleichtert, dass wir das schlimmste Leid und das Sterben schon hinter uns haben.

Vorhin habe ich meine Schwiegermutter am Friedhof getroffen. Das war eine gute Idee von ihr. Wir haben das Grab mit Rosen und einer Kerze geschmückt, innegehalten, einen Kaffee getrunken, geweint und gelacht. Meine Schwiegereltern sind ein Hauptgrund, warum ich vorerst in dieser seltsamen, reizarmen Stadt bleiben möchte.

Plötzlich schaue ich dem Tod ins Auge

Blick aus dem Gate auf die Jet Airways-Maschinen. Ich werde nie wieder eine davon betreten.

Blick aus dem Gate auf die Jet Airways-Maschinen. Ich werde nie wieder eine davon betreten.

Alle Erfahrungen sind gut, selbst die schlechten – diesen Satz mag ich gern. Mit ihm in der Hand habe ich mich schon in manches Abenteuer gestürzt. Doch so absolut gilt er dann doch nicht. Erst jetzt habe ich wieder eine Ausnahme erlebt, eine Begebenheit, auf die ich auch im Rückblick lieber verzichtet hätte. Auf dem Heimweg aus Bangkok ist mein Flieger nämlich beinahe abgestürzt.

Es war kurz nach dem Start von meinem Zwischenstopp in Mumbai. In dem proppevollen Airbus 330 habe ich wieder einen jämmerlichen Platz in dem Mittelblock am Gang erwischt, direkt unter der Klimaanlage, die mich schon auf dem Hinflug so fertig gemacht hat. Wir sind schon auf rund 8000 Meter gestiegen, als der Pilot plötzlich auf die Bremse tritt, so heftig wie ich es noch nie erlebt habe. Wir fallen wie ein Stein aus dem Himmel! Nase nach unten, zig Meter pro Sekunde, hart an der Belastungsgrenze für Mensch und Maschine. Gleichzeitig mit dem Sturzflug dreht das Flugzeug in eine enge Kurve und nimmt wieder Kurs auf die Küste. Das Schlimmste ist: Keine Ansage erklärt uns, was da gerade passiert. Die Passagiere, überwiegend Inder, sind zu drei Vierteln schon eingeschlafen und bekommen den Wahnsinn nicht mit. Die übrigen sitzen teilweise schreckensstarr mit weit aufgerissenen Augen da. Wir fallen und fallen. Ich komme mit dem Druckausgleich nicht hinterher. Die Besatzung hat irgendeine Nachricht aus dem Cockpit erhalten und schnallt sich an, als ob wir wenige Sekunden vor der Landung stünden. Dumm nur, dass wir 100 Kilometer auf dem offenen Meer sind. Ich hyperventiliere längst und schaue verzweifelt zu der Stewardess hinüber, die mir schräg gegenüber sitzt. „Are you alright?“, fragt sie, völlig rethorisch. Natürlich nicht, signalisiere ich mit einer Geste. Dazu fällt ihr dann auch nichts mehr ein. Was soll sie auch sagen, wenn sie selbst mit einem Absturz rechnet? Immer noch keine Durchsage aus dem Cockpit. Wahrscheinlich würde die Wahrheit nur Panik auslösen.

Etwa 2000 Meter vor dem Aufprall wird die Kurve flacher, die Maschinen laufen nur noch auf Sparflamme, das Flugzeug ist gespenstisch ruhig. Auch die Klimaanlage sagt seit wenigen Minuten keinen Mucks mehr. Es wird stickig. Die Panik bleibt. Mit meiner Sitznachbarin, einer jungen, blondgelockten Deutschen, versuche ich, mich etwas auszutauschen, vielleicht zu beruhigen. Zwecklos. Wir haben beide Todesangst, unsere Zähne klappern, wir können kaum reden. Dann der schlimmste Moment: Aus der Klimaanlage strömt plötzlich glühend heiße Luft, ein lautes Knacken und Knirschen schießt einmal durch den Rumpf. Jetzt ist es aus, denke ich. Gleich bricht hier Feuer aus, oder es zerreißt uns.  Ich hechele, auch aus Luftnot, hoffe auf eine gnädige Ohnmacht. Ich fühle mich so schrecklich ausgeliefert, mein Körper ist Spielball dieser irren Kräfte, jeden Moment kann er zerdrückt werden oder verschmoren.

Ich denke an Johannes. Was für ein schlechter Scherz des Universums, erst meinen geliebten Mann gegen jede Wahrscheinlichkeit auszulöschen – und nun mich, auf genauso seltene Weise. Die ganze Welt wird mit Gruseln auf die Schlagzeile schauen, die wir gerade schreiben, einen kurzen Moment lang – und sich dann wieder abwenden, als ob nichts gewesen wäre. Ich will das nicht! Ich habe Angst vor den Schmerzen, die mir bevorstehen! Doch es passiert nichts Schlimmeres.  Unser Kriechflug geht weiter, der Hitzeschwall hat nur kurz gedauert. Dann spricht endlich der Kapitän, wie immer kaum verständlich wegen seines Akzents und der miesen Akustik. Er entschuldigt sich lapidar für die Unannehmlichkeiten, sagt irgendwas von Problemen mit der Klimaanlage und dem Kabinendruck. Ach, was! Die Probleme seien behoben, wir würden nun wieder Richtung Amsterdam fliegen und mit leichter Verspätung ankommen. Und so ist es dann auch: Wir drehen zurück auf normalen Kurs, geben Gas, steigen auf, die Klimaanlage spielt wieder Kühlschrank. Nur schlafen können meine Nachbarin und ich noch lange nicht.  Vollgepumpt mit Adrenalin reden wir noch lange sinnloses Zeug. Als wir ruhiger werden, muss ich daran denken, wie schnell das Leben doch vorbei sein kann. Eigentlich hätte ich diese Lektion doch wirklich lernen müssen durch Johannes, oder? Doch die Erkenntnis überrollt mich, als ob sie ganz neu wäre.

Schier endlose Stunden später haben wir Amsterdam tatsächlich heil erreicht. Ich nutze den beinahe heiteren Moment, um die Stewardess nochmal nach der Wahrheit zu fragen. Sie weicht aus. Der Pilot habe keine Zeit für eine Durchsage gehabt, sagt sie.  Er habe jede Sekunde gebraucht um das Problem mit der Lüftung in den Griff zu bekommen. Die offizielle Erklärung lautet nun, dass wir 6000 Meter abgesackt sind, um auf eine sicherere Höhe zu kommen und die Techniker am Boden zu erreichen. Diese hätten dann die Systeme der Klimaanlage aus der Ferne neu gestartet. Danach lief wieder alles. Ich fürchte, die Geschichte war deutlich dramatischer.

In Amsterdam angekommen, ging es übrigens nicht gut weiter: Der Weiterflug nach Brüssel war nach dem Bombenterror abgesagt worden. Schlimmer noch: Jet Airways hatte mein Gepäck verschlampt. Zusammen mit einigen anderen Gepäckstücken. Schon wieder! Aber mich traf es vielleicht am härtesten, denn in dem Koffer war mein Autoschlüssel. Nach Brüssel weiterzureisen war dadurch witzlos. Auf eigene Kosten bin ich also in den Zug nach Wuppertal gestiegen, habe nachmittags bei meinen Schwiegereltern den Wohnungs-Zweitschlüssel geholt, habe in meiner Wohnung den Auto-Zweitschlüssel geschnappt und mich auf den Weg nach Brüssel gemacht. Nachts um eins bin ich dort angekommen, habe ein Taxi zu meinem Auto genommen und habe mich durch die Nacht wieder nach Hause gequält. Doch der ganze Irrsinn ist nicht so recht an mich herangekommen. Ich glaube, das traumatische Erlebnis saß mir noch in den Knochen.

Gestern Abend um 23 Uhr hat hier übrigens ein Kurierdienst geklingelt und meinen Koffer abgeliefert.

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