Month: September 2015

Kondolenz-Korrespondenz

Ein kleines, frühes Kapitel der Trauer habe ich gerade abgeschlossen: die Kondolenz-Korrespondenz. Aus vielen Richtungen hat meine Schwiegereltern und mich Post erreicht. Manche davon überraschend, vor allem die Zeitungsanzeige und ein Post auf Facebook haben Menschen einbezogen, die zuletzt vielleicht nicht mehr im Blickfeld waren. Bei manchen war ich angenehm über die Anteilnahme überrascht. Insgesamt ging mir das Ritual aber an die Nieren. Denn allzu floskelhafte Karten sind mir aufgestoßen, die einfühlsameren haben mich aufgewühlt. Also habe ich den größten Teil der Briefe erstmal liegen gelassen. Gestern dann fühlte ich mich ruhig genug, um noch einmal jeden Brief zur Hand zu nehmen, endlich die Antwortkarten zu verfassen (meist nur ein Satz) und zu  verschicken. Wider Erwarten war es dann doch ein emotionaler Kraftakt. Ich vermute, weil mir jede Karte schwarz auf weiß gesagt hat, dass Johannes tot ist. Wahrscheinlich ist diese Botschaft doch noch nicht ganz bei mir durchgesickert.

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Und noch etwas gehört in diesen Kontext: Die Deutsche Hirntumorhilfe hat gerade unaufgefordert eine Aufstellung mit allen Spendern geschickt, die unserem Geld-statt-Blumen-Aufruf gefolgt sind. In Summe sind es 1195 Euro geworden. Echt stattlich, finde ich! Ein wenig gefreut hat mich auch, dass sich wirklich viele Menschen beteiligt haben, dass sich die Summe vor allem aus kleineren und mittleren Beträgen zusammen setzt. Die Hirntumorhilfe kann es gut brauchen, allein schon für ihren halbjährlichen Infotag, zu dem allein ich sechsmal gereist bin. Tja. Ich sag hiermit mal stellvertretend Danke.

Wandern am Rhein an der Ahr

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Kein Tag, keine Stunde, kaum eine Minute ohne Bezug zu Johannes. Es ist als wäre ich besessen. Manchmal echt anstrengend. Jetzt gerade höre ich Roman Babiks Urban Wedding Quartett, eine CD, die wir am 22. Mai nach einem Konzert in der Wuppertaler Musikhochschule erstanden haben, zum Weiterhören und als Andenken. Wir hatten beim Jazz genau das gleiche Abstraktions-Bedürfnis und die gleiche Abstraktions-Toleranz. Dixieland war uns zu bieder, Big-Band-Musik eigentlich auch, wenngleich genießbarer, Freejazzer wie Brötzmann fanden wir lächerlich. Dazwischen lag vieles, das uns gut gefiel – auch wenn wir im Grunde keine Ahnung von Jazz hatten.

Am Wochenende war ich mit meinen Schwiegereltern ein bisschen wandern. Als wir in Linz am Rhein ankamen, sollte es eigentlich sogar mehr werden als ein bisschen, doch die Pläne zerbröselten zeitgleich mit meinen Schuhsohlen, kaum dass wir aus dem Auto stiegen. Ja, sie zerbröselten! Jahrelang hatte ich die mächtigen Lederschuhe im Schrank gehortet, doch aus dem Schatz war still und leise morscher Müll geworden. Hätte nicht unser  ganzer Wandertag auf dem Spiel gestanden, wäre es einfach nur lustig gewesen, wie ich da durch Linz humpele, eine Spur aus schwarzen Krümeln hinterlasse und die großen Teile meines Sohlen-Puzzles einsammele. Ersatz ließ sich in dem Bilderbuch-Städtchen allerdings nicht finden. Am Rhein ist man klein. Schuhgröße 49 wird nicht unterstützt. Also ging’s zurück nach Bonn, wo wir im Outdoor-Outlet einkehrten, um anschließend einen zweiten Anlauf zu unternehmen – diesmal aber ins Ahrtal.  Bloß nicht nochmal die gleiche Strecke fahren! So lässt sich die Panne leichter verdrängen.

Schließlich waren wir also doch noch drei schweißtreibende, aussichtsreiche Stunden unterwegs. Rast am Steinerberg-Gasthaus. Gedenkminute am Gipfelkreuz, denn dort standen wir auch vor gut vier Jahren, da noch mit Johannes, einem kerngesunden Johannes. Sehr glückliche Momente waren das. Damals dachte ich darüber nach, wo ich ihm am besten den Heiratsantrag machen sollte. Dass er Ja sagen würde, war eigentlich sicher. Diesmal kamen keine große Glücksmomente bei mir auf. Dennoch waren diese Stunden die bestmöglichen. Nur bei wenigen Menschen fühle ich mich zurzeit so wohl, dass ich auch schwach und traurig sein kann, eben einfach so, wie ich mich gerade fühle. Meine lieben Schwiegereltern zählen dazu – und meine engsten Freunde.   Allen anderen gehe ich eher aus dem Weg.

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Galerie der Tränen (1)

Nun sitze ich also wieder zuhause, seit Dienstag schon, versuche jedem Tag ein wenig Struktur und Sinn zu geben. Doch mein Zuhause – unsere gemeinsame Wohnung – ist ein sehr zwiespältiger Ort geworden. Ein wohltuender, weil wir uns hier gut eingerichtet haben, die große Küche, das gemütliche Sofa, der superpraktische Scanner in seinem Zimmer – und so weiter. Hier bin ich Johannes auch ständig nah. Wenn ich das denn aushalte. Denn die Trauer sitzt in allen Ecken. Mehrfach am Tag bleibe ich an schönen oder profanen Dingen hängen, die mir von ihm oder von uns erzählen. Wenn ich ihnen zuhöre, schießen mir unweigerlich die Tränen in die Augen. Die Wohnung ist also auch Spießrutenlauf. Ein paar Eindrücke (Texte in der Vollansicht):

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Schlange frisst Tag

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Irgendwie hat es nichts werden sollen mit Mailand und mir. Tag 3 hatte ich nochmal so richtig nutzen wollen. Der Plan: Ich verlasse vormittags meinen Gastgeber, deponiere meinen Koffer im Hauptbahnhof in der Gepäckaufbewahrung, damit ich dann entspannt zur Expo fahren kann. Abends sollte es dann vom Hauptbahnhof aus mit dem Bus zum Flufhafen gehen. Den Schlüssel zu meinem Zimmer habe ich in der Wohnung gelassen, Tür hinter mir zugezogen – dann gabs kein Zurück mehr.  Kurz darauf der Schock: Die grotesk lange Menschenschlange, die sich da durch den riesigen Mailänder Hauptbahnhof zieht, führt geradewegs zur Gepäckaufbewahrung! Das war’s dann wohl. Schlange frisst Tag.

Erst habe ich noch versucht etwas zu retten. Aber wo verzweifelte Menschen stundenlang anstehen, um ihren Koffer loszuwerden, sind Alternativen rar. An der Expo selbst sollte es angeblich keine geben. In einem schwulen Laden in der Nähe, wo ich abends zuvor war, habe ich den Barkeeper bekniet, doch ein paar Stunden auf mein Köfferchen aufzupassen. Keine Chance. Danach eine Stunde bei Burger King totgeschlagen, nochmal nach der Schlange geschaut – die war kaum verändert. Mehr Kraft für andere Lösungen hatte ich nicht. Also habe ich auch die restlichen Stunden rund um den Bahnhof vertrödelt. Frust pur.

Plötzlich Mailand

Flucht, die II.: Am Mittwoch habe ich spontan für Freitag einen Überraschungsflug erstanden. Der hat mich nach Mailand geführt. Ansich kein schlechtes Los: Italien mag ich, in Mailand war ich noch nie – und hier ists noch sommerlich warm. Jetzt gerade, 20.40 Uhr,  sitze ich in kurzer Hose vor einer kleinen Pizzeria bei Kerzenlicht, Rotwein und Tortellini. Wäre ich nur etwas besser beieinander. Meine fragwürdige Verfassung hat mich schon einen von drei Tagen hier unten gekostet. So bin ich nach meiner Ankunft am Freitagabend nämlich, nach ähnlich romantischem Essen, noch ausgegangen. Da die Läden, in denen ich da gelandet bin, komplett spaßfrei waren (oder eben ich selbst) habe ich versucht, das mit Longdrinks zu kompensieren.  Dabei ist es mir irgendwie gelungen, mich wie ein dusseliger Teenager abzuschießen. Aber so richtig, mit allem schmerzhaften und peinlichen Drum und Dran. Gestern war also komplett gelaufen, erst war ich mit Überleben, dann mit Regenerieren beschäftigt. Abends habe ich es zu einer kleinen Runde in die Stadt geschafft, um Mitternacht war ich dann statt in der Disko lieber im 24/7-Supermarkt, habe mir ein Nachtmahl geholt und bin ab ins Bett.

Heute also mit frischen Kräften dieser Stadt gewidmet, die ich bis dato gewaltig unterschätzt hatte. Mailand ist Italien von seiner prächtigsten Seite, ohne dabei langweilig zu sein. Am Dom hat´s mir fast die Sprache verschlagen. Nahe dem Bahnhof Garibaldi hat sich die Stadt ganz neu erfunden, mit einem Zentrum zum Shoppen, Flanieren und Wohnen, das konzeptionell und architektonisch wirklich aufregend ist. Hier ist eben auch gerade Expo – das merkt man zum Glück nicht nur an den Hotelpreisen.

Unterwegs war ich heute zum Teil auch mit dem Fahrrad. Die Stadt hat ein Netz mit Fahrradstationen, das praktisch kostenlos genutzt werden kann, sofern man das Rad nicht zu lange behält. Man sieht auch viele Leute mit den Leihfahrrädern – und das, obwohl es hier praktisch keinen einzigen Fahrradweg gibt, stattdessen ein halsbrecherisches Getümmel auf holprigem Pflaster. Das ist wohl typisch Italien: Wo es sowieso schon drunter und drüber geht, machen ein paar Fahrräder auch nix mehr aus. Ich bin also, wie die anderen, frei von Regeln fröhlich auf Sicht gefahren.

Apropos fröhlich: Das bin ich längst nicht. Je schöner nämlich mein Tag, je beeindruckender die Erlebnisse, desto mehr fehlt mir Johannes. Auch Italien steckt voller gemeinsamer Erinnerungen. Zum Glück war ich noch an keinem Ort, den wir bereist haben. Der Kölner Flughafen (dort war ich mit Johannes zuletzt im Februar) hat mir schon gereicht.

Morgen will ich eigentlich, bevor abends der Flieger zurück geht, noch auf die Expo. Mal sehen. Vielleicht lasse ich es auch ruhiger angehen und beschränke mich auf einen weiteren Stadtbummel.

Danke, Herbert!

Irgendwie berührt hat mich Grönemeyers „Der Weg“ ja schon immer. Gefühlte tausend Mal habe ich den Song gehört. Gestern lief er mal wieder im Radio – und hat mich diesmal getroffen wie ein Blitz. Plötzlich könnte jede einzelne Zeile auch von mir an Johannes gerichtet sein. Bis auf zwei vielleicht: „Nordisch nobel“ – nein, das war er nie, eher bergisch aufrecht. Und: „Dein sicherer Gang“ – den hatte er höchstens im übertragenen Sinne. Ansonsten könnte ichs besser nicht formulieren. Danke, Herbert!

Ich kann nicht mehr seh’n
Trau nicht mehr meinen Augen
Kann kaum noch glauben
Gefühle haben sich gedreht
Ich bin viel zu träge
Um aufzugeben
Es wär‘ auch zu früh
Weil immer was geht

Wir waren verschwor’n
Wär’n füreinander gestorben
Haben den Regen gebogen
Uns Vertrauen gelieh’n
Wir haben versucht
Auf der Schussfahrt zu wenden
Nichts war zu spät
Aber vieles zu früh

Wir haben uns geschoben
Durch alle Gezeiten
Haben uns verzettelt
Uns verzweifelt geliebt
Wir haben die Wahrheit
So gut es ging verlogen
Es war ein Stück vom Himmel
Dass es dich gibt…

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt

Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair

Den Film getanzt
In einem silbernen Raum
Vom goldenen Balkon
Die Unendlichkeit bestaunt
Heillos versunken, trunken
Und alles war erlaubt
Zusammen im Zeitraffer
Mittsommernachtstraum

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt

Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair

Dein sicherer Gang
Deine wahren Gedichte
Deine heitere Würde
Dein unerschütterliches Geschick

Du hast der Fügung
Deine Stirn geboten
Hast ihn nie verraten
Deinen Plan vom Glück
Deinen Plan vom Glück

Ich gehe nicht weg
Hab‘ meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

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