Mein zweites Coming-Out

imageUnsere Winkekatze lahmt. Wie ich heute nach der Maneki-neko geschaut habe, zuckte der linke Arm nur noch. Das hat mich einerseits traurig gemacht, weil sie ja seit dem Frühjahr nonstop gewunken hat, damals noch für Johannes. Andererseits entspricht es auch meiner eigenen Gefühlslage, die in den letzten Tagen doch merklich ruhiger geworden ist. Nachdem ich an Silvester nochmal tief in den Erinnerungen gewühlt habe, ging es mir etwas besser. Der Abend in Brno ist trotzdem – oder deswegen – nicht allzu lang geworden, nach ein paar Bier fand ich es in der einzigen, proppevollen Szenedisko einfach zu verqualmt und habe mich in mein Zimmer zurückgezogen.

Am nächsten Morgen ging es dann nochmal für zwei Nächte nach Dresden weiter, wo ich endlich ganz gepflegt den Touristen gegeben und mich einer Stadtführung angeschlossen habe. Leider zu Fuß, was sich angesichts langatmiger Geschichtsvorträge bei Eiseskälte als ungeschickt erwies. Gleichwohl war alles in Ordnung mit meiner kleinen Reise.

Was mir unterwegs wieder einmal auffiel: Sobald ich neuerdings Menschen kennenlerne, gibt es wieder so etwas wie ein Outing. Eine Information über mich, die gleichermaßen bedeutsam und überraschend für mein Gegenüber ist. Früher war das mein Schwulsein. Es hat mehrere Jahre und viel Übung gebraucht, bis ich diesen kleinen Unterschied in meinem Leben wirklich beiläufig rüberbringen konnte. Bis mein Selbstverständnis echt war und nicht gespielt. Manche Kollegen bei der Zeitung erfuhren erst nach zwei, drei Jahren der Zusammenarbeit davon, dass ich einen Mann habe. Aber eben nicht, weil ich es verheimlicht hätte, sondern weil es sich einfach nicht ergeben hatte – und es auch sonst niemand wichtig genug fand, um es hinter meinem Rücken zu verbreiten. Davor war es immer ein Eiertanz. Soll ich es sagen? Oder lieber das Thema meiden? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie lasse ich es nicht allzu wichtig erscheinen?

So ähnlich geht es mir jetzt unfreiwillig wieder. Mehrfach gab es in den vergangenen Wochen jemanden, der nicht aus Deutschland stammte, der irgendwann den Ehering an meiner Hand entdeckte. Und dann lief es ungefähr so:
„Oh, bist Du verlobt?“
„Nein, in Deutschland trägt man den Ring rechts, wenn man verheiratet ist, überall sonst auf der Welt ist es andersrum.“
Großes Erstaunen bis Entsetzen. „Also bist Du verheiratet?“
„Hm… nein. Ich bin Witwer. Mein Mann ist kürzlich verstorben.“
Es folgt ein kurzer Schreckensmoment, danach oft ein kurioser Satz:
„Wir brauchen nicht darüber sprechen, wenn Du nicht magst.“ Eigentlich heißt das natürlich: Bitte lass uns nicht darüber sprechen, ich kann damit nicht umgehen. Weil ich das weiß, belasse ich es inzwischen meist dabei. Es wäre ja auch sinnlos, auf dieser Basis über Tod und Trauer zu sprechen, selbst wenn ich es wollte. Ich habe sogar schon erlebt, dass von meinem Gesprächspartner einfach gar keine Reaktion kam. Dann frage ich nach, ob er weiß, was „Widower“ bedeutet. Jaja, wisse er. Betretenes Schweigen. Na gut, dann weiß er es jetzt. Es ist ein besonders unbequemes Outing, weil es die andere Seite zwingt, irgendwie Stellung zu beziehen.

Zurück zu Hause, hat mich vor allem eines umgetrieben: Wovon ich in nächster Zeit leben soll. Noch ist es Krankengeld, mehr schlecht als recht. Doch das endet bald – und ein auskömmliches Einkommen ist nicht in Sicht. Viele Eisen habe ich ins Feuer gelegt, keines habe ich bisher so richtig zu schmieden geschafft. Besonders gravierend ist die Sorge, aus der viel zu großen, gemeinsamen Wohnung ausziehen zu müssen, weil sie mir zu teuer ist. Das kann und will ich momentan aber nicht. Sie tut mir schon nicht mehr ganz so weh, ist aber sehr wohl noch eine Möglichkeit, meinem geliebten Mann nahe zu sein. Vielleicht sollte ich der Maneki-neko den „Reichtum“-Aufkleber und eine neue Batterie verpassen? Ach,
Blödsinn. Gesundheit hat sie bisher ja auch nicht gebracht.

4 Comments

  1. Claudia Opitz

    11. Januar 2016 at 15:20

    lieber Erik,
    ZUERST einmal…
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen… (hatte heute morgen Blutentnahme für bestimmte Faktoren und Belastungs- Ekg welches relativ SEHR GUT ausgefallen ist…FREU ) also
    von
    ganzem Herzen
    ein gutes, mit sehr intensiven Gefühlen und sehr bewusstem Leben
    neues Jahr für DICH…

    Reisen scheint wirklich ein sehr grosser und auch wichtiger Lebensbereich für dich zu sein… Was ich sehr GUT finde!!!
    Der Horizont wird einfach erweitert, sowohl in geistiger, visueller und ja auch zwischenmenschlicher Hinsicht…

    Ja, ja das outen… Das scheint in diesem gerade angefangenen neuen Jahr nicht nur dich, sondern auch andere Menschen mit einer etwas anderen Lebensweise …Lebenseinstellung… wieder einmal zu einem „Klärungspunkt “ zu werden…

    Bei mir ist es der Balanceakt, nicht zu einer extremen Feministin zu werden durch die Sylvesternacht Ereignisse in Köln… Ich bin ja später den …gut auch nicht für jeden so sehend..spirituellen Weg gegangen , mit einem durchaus umstrittenen Meister…

    Laut dem chinesischen Horoskop sind wir im Jahr des Affen… Also durchaus ein sehr lebhaftes , umtriebiges neues Jahr, was da in den nächsten Tagen auf uns zukommt… anfängt…

    Kleine Zwischenbemerkung… schenk der Maneki-neko… eine neue Batterie…
    So…mal öffentliches kleines brainstorming
    nach wie vor … journalistisch tätig sein, aber nicht im Übermass…

    Ich kenne… leider jetzt deine….Wohnung nicht. Aber vielleicht gibt es durchaus die Möglichkeit, dass du ein Zimmer nicht untervermietest, sondern als Möglichkeit anbietest für REISENDE, die auch Wuppertal sich ansehen wollen (touristisch gesehen)..

    Da gibt es zumindest ein, garantiert mehrere Portale im Internet, die diese Zimmervermietung anbieten. Man muss es nicht dem Hausbesitzer melden, aber als Nebenerwerb dem Finanzamt…Gut…Billigung des Hausbesitzers wäre natürlich von Vorteil…

    Nach wie vor , gerade auch wegen deiner Wanderfreudigkeit, deiner sportlichen Aktivitäten und auch deiner geistigen Haltung und auch weil du durch dieses jetzt auch noch einmal so wichtige outen… einfach ein sehr prädestinierter
    „ANDERER Reiseführer“ sein könntest !!!!

    Hach !!!! und auch „ANDERER Stadtführer“ für Wuppertal und Umgebung… Stadtführer finde ich ganz toll.
    In einer meiner Weiterbildungen in Köln hatten wir zum Abschluss eine Führung mit einem Stadtführer,(vielleicht wie du es hattest in Dresden)der aber sehr auf besonders aussergewöhnliche politische, kirchliche Ereignisse ein ging …Er konnte sich vor Anfragen fast gar nicht „retten“, weil er einfach eine sehr spezielle Art hatte, Geschichte zu vermitteln .
    Das könnte ich mir durchaus für DICH vorstellen …

    Auch vielleicht über ein Reisebüro als „Tester und Berichterstatter“ unterwegs sein. Vielleicht sogar „irgendwie “ in einem Reisebüro arbeiten?
    Für mich bist du einfach nicht so der sesshafte Mensch…

    Ich würde sooo gerne mal auch wieder andere comment´s lesen.
    Aktiviere doch einmal deine Freunde hier „öffentlich zu schreiben“..

    Gerade für dieses neue Jahr ist es sooo wichtig, dass in diesen extremen Zeiten Menschen sich äussern, die demokratisch, geistig freiheitliche Werte vermitteln… zur Sprache bringen..und keine radikalen Ansichten vertreten, vor allem gerade in Deutschland nicht „braun gefärbte“…

    lieber Erik,
    auch das noch einmal „öffentlich“…
    Ich danke dir sehr für diesen Blog, weil es so wichtig ist, dass Tabuthemen einfach thematisiert werden und damit eben halt öffentlich werden und den“Mantel des Tabu´s“ verlieren.

    Herzlichste und friedvollste Grüsse
    aus dem ebenfalls , interessanten , für Wanderfreunde und Radfahrer, erstrebenswert zu besuchenden Hunsrück

    deine Claudia mit Burkard im Herzen und Leben

    • erik

      14. Januar 2016 at 15:31

      Liebe Claudia, danke mal wieder für die vielen guten Gedanken. Das Zimmer tageweise an Gäste zu vermieten, hatte ich tatsächlich auch so angedacht – Du bestätigst mich jetzt darin!

  2. Klar hat die Katze Gesundheit gebracht. Johannes wäre sonst niemals so lange geblieben.

  3. Claudia Opitz

    15. Januar 2016 at 2:11

    schön… lieber Erik, dass ich DICH bestätigt habe…
    und
    ich bin der gleichen Meinung wie Norman Sommer

    friedvolle Grüße in die Runde
    Claudia mit Burkard im Herzen und Leben

    und … kann es mir nicht verkneifen
    liebe Erik,
    wie wäre es mit dem „anderen Stadtführer „?

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