Ein kleines Stückchen loslassen

Heute fehlt mir Johannes mal wieder ganz praktisch: Zum ersten Mal habe ich ein Computerproblem, das 1. schwerwiegend und 2. mit meinem eher laienhaften Verständnis und viel googeln nicht zu lössen ist. Java läuft einfach nicht mehr auf meinem Rechner. Mit unangenehmen Folgen: Just in diesem Moment sitzt irgendwo da draußen in der Republik ein Go-Spieler und wartet online darauf,  dass ich zu einer lange einberaumten Turnierpartie erscheine. Geht nur leider nicht, weil ich das gängige Go-Portal ohne Java nicht betreten kann. Auch kontaktieren kann ich den armen, wahrscheinlich frustrierten Gegner nicht. Mein geliebter Mann hätte das sicher hingekriegt, wahrscheinlich in wenigen Minuten. Solche Situationen hatten uns zuletzt immer wieder glücklich gemacht, weil auch ich mal von ihm abhängig war. Und so dankbar für seine Hilfe. Und so stolz auf seine Fähigkeiten.  So aber bin ich mit meinem Latein am Ende. Gegen den Frust schreibe ich jetzt Blog.

IMG_5625Die Idee von Claudia, in Johannes Zimmer Reisende aufzunehmen, ist mir wenige Tage zuvor auch selbst gekommen. Sie gefällt mir wahrscheinlich deshalb so gut, weil dadurch zunächst auch Teile dieses Raums erhalten bleiben könnten. Der überdimensionale Schreibtisch muss weg, ganz klar. Vielleicht stelle ich dann aber statt eines Bettes auch ein paar zusätzliche Bücherregale auf. Seit wenigen Tagen verkaufe ich nämlich gebrauchte Bücher auf Amazon. Hintergrund ist der finanzielle Druck, den ich seit Wochen immer stärker spüre. Jeden Monat mache ich ein paar hundert Euro Miese – und in Kürze wird es noch viel schlimmer, wenn ich wieder ganz auf eigenen Beinen stehen muss. Da hat mich ein Freund in Köln doch neugierig gemacht, der mir schilderte, wie er quasi nebenbei mit dem Bücherverkauf ein nettes Zubrot verdient.

Also habe ich in den vergangenen Tagen mehr als ein Dutzend Bücherkisten durchforstet, mehr als 500 Bücher. Rund 150 davon stehen jetzt bei Amazon zum Verkauf – und jeden Tag trudeln Bestellungen ein! Das macht zwar nicht reich, hilft aber ein bisschen. Und macht Riesenspaß. Denn ich komme in eine Art Goldrausch, wenn ich mich so durch die Stapel wühle und jedes Buch auf seinen Wert hin prüfe. Barcode scannen, ISBN oder Stichworte eingeben – und pling, steht da, ob ich gerade einen potenziellen 10-Euro-Schein in der Hand halte oder eine 1-Cent-Niete.

Die Not hat mich seit Jahresanfang tatsächlich auf Trab gebracht. Das fühlt sich gar nicht mal so schlecht an, eher sehr lebendig. Ich bin gezwungen, mein Leben stärker zu strukturieren. Eines Abends, als ich müde ins Bett gefallen bin, ist mir plötzlich ein besonderer Satz durch den Kopf geschossen. „Das war doch ein ganz schöner Tag, oder?“ Mit dieser arglosen Frage haben Johannes und ich manchmal den Tag resümiert und uns gegenseitig daran erinnert, dass wir dankbar für alle unbeschwerten, gemeinsam Stunden sein sollten. Seine Antwort war meistens ein zufriedener Stoßseufzer: „Ooooh ja!“

Es hat sich noch mehr getan. Am Mittwoch war ich zum letzten Mal bei seiner Psychologin. Ja, richtig: bei seiner. Denn etwa im April, als diese elende Krankheit ihn immer fester in den Klauen hatte, wünschte er sich gelegentlichen professionellen Beistand. Die Düsseldorferin war eine Empfehlung, weil sie einfühlsam, pragmatisch und erfahren ist. Aber auch, weil sie selbst ihren Mann bis zum Krebstod hat begleiten müssen und inzwischen mit einem weiteren Mann zusammen lebt, der seine Frau durch einen Hirntumor verloren hat. Sie war ihm sofort sympathisch und er ihr wohl auch. Jedenfalls habe sie ihm gut geholfen, sagte er mir. Eine handvoll Sitzungen gab es, zu denen ich Johannes immer gefahren habe. Zuerst konnte er selbstständig die Stufen zur Praxis steigen, dann musste ich ihn stützen. Das letzte Treffen mussten wir absagen, weil er kaum noch transportabel war.  Dafür wollte die Psychologin dann zu uns nach Hause kommen. Doch die Ereignisse waren noch schneller. Letztlich sah sie Johannes ein letztes Mal im Krankenhaus, eine Woche vor seinem Tod.

Anschließend hatte ich selbst das Bedürfnis, sie zu sehen. Zum einen kennt sie sich mit Trauer gut aus. Zum anderen stellte sie so etwas wie eine Verbindung zwischen Johannes und mir dar. Vielleicht fünf Male war ich selbst dort. Beim ersten Mal kamen mir auf der Treppe die Tränen, weil ich zuletzt mit Johannes diesen Weg gegangen war, hinauf zu diesem wohligen Ort der Zuflucht. Und nun, vor wenigen Tagen, wusste ich plötzlich, dass es das letzte Treffen mit ihr sein sollte. Wir sprachen darüber, wie ich mich seit dem Todestag verändert habe, wo ich auf dem Trauerweg wohl stehe und wie die Aussichten sind. Das war alles gut, hatte aber nicht mehr den Charakter der seelischen Ersten Hilfe, so wie am Anfang. Es gibt tatsächlich eine Entwicklung, das ist jetzt klar. Ich bin ruhiger und stärker geworden. Deshalb war ich dann doch erstaunt, dass nach der Verabschiedung auf meinem Rückweg wieder die Tränen flossen.  Die Erklärung kam mir etwas später: Es lang an dieser speziellen Verbindung zu Johannes, die sie verkörperte – und die ich nun losgelassen hatte.

1 Comment

  1. Claudia Opitz

    20. Januar 2016 at 12:19

    Lieber Erik,

    in mehrerer Hinsicht … WUNDERBAR….

    Ich fange einmal mit deinen Abschlusssätzen an…Die Tränen sind bei dir geflossen, weil du einen MENSCHEN, auch Psychologen sind ja Menschen…lächel..der euch begleitet … DIR das Gefühl,welches in DIR gewachsen ist… bestätigt hat, das DEINE Trauer und DEIN Schmerz einfach nicht mehr die SCHÖNHEI DES LEBENS in DIR mehr so dämpft…

    Immer wen es zu einem cut kommt… fliessen eben halt Tränen … un du weisst ja… Ich vertrete die Ansicht das Tränen HEILEN…

    Sooooo, der Goldrausch ist ausgebrochen bei dir… lächel…
    Ich sitze wirklich hier und lächle dabei… TOLL diese Idee von deinem Freund , dir das zu empfehlen… Ich mache das ja nicht internetmässig , aber bei meinen zweimal im Jahr stattfindenen Verkaufsausstellungen mit ebenfalls Freunden, sind auch durchaus immer eine grössere Anzahl Bücher mit dabei..und sie werden gekauft…

    Ja, ich würde es nicht Not nennen, weil ich zwar nicht absolut der Ansicht bin, das eine positve Denkweise immer angebracht ist, aber tendentiell schon…
    Es ist DEINE KRETIVITÄT… die wir ja alle in uns haben… dich zu allen möglichen GUTEN Ideen, die dein Leben noch schöner erscheinen lassen… zu gehen…

    Wobei wir bei deinem Mann , deinem geliebten Johannes wären … Ich lese es immer soooo gerne, welch schöne Rituale ihr gefunden habt um einen Tag … jetzt doch positiv vermerkt… beendet habt… einfach SCHÖN…

    Jaaaa, gestern habe ich meinen Burkard auch in technischer Hinsicht vermisst… Es ist schon seltsam, was da zwar völlig unterschiedlich bei uns passierte, aber es ging um die Technik…

    Wir hatten hier in einem grossen Umkreis über Stunden Stromausfall… Gut den hätte Burkard wahrhaftig nicht beheben können, aber dass danach nicht automatisch die Gastherme ansprang bei mir, dass häte er schnell in den Griff bekommen. Aber ich habe dann die Gebrauchsanweisung von der Therme mir vorgenommen und … ich habs geschafft !

    ABER…. bei Fehlern im Computer… völlig “ Aus – SICHTS- los“ bei mir ?!?! Bis jetzt… Man lernt ja nie aus… Auch DU nicht, gelle…
    Mal so ein bisschen hessisch reinbringen…
    So, jetzt aber wieder sehr lebensbejahend , positiv nach Vorne blickend…
    Das meinst du und ja auch ich… es ist gut einZimmer anReisende zu vermieten… Bitte mach das BALD…
    Je eher du eine zweite Geldeinnahme hast, umso erleichterter wirst du dich fühlen!!!
    Du bist ein kommunikativer Mensch und reisen, das habe ich ja schon einmal geschrieben, gehört einfach in DEIN LEBEN… Auch Reisende begleiten, eben halt Zimmer zu Verfügung stellen…UND , wirklich, wenn du diese Menschen ja dann kennenlernst…
    Da sind soooo viele FROH, wenn du Empfehlungen aussprichst oder wie gesagt, wenn sie möchten, eine kleine „Reisebegleitung “ mit anbietest… WIRKLICH… Ich bin überzeugt, dass das ein „Markt ist“ der mehr und mehr Zuspruch finden wird…
    In jedem Ferienhaus,Ferienwohnung, ja auch in Hotels werden flyer ausgelegt für Aktivitäten und ja auch sehr nette, persönliche Empfehlungen ausgesprochen…
    Lass es so einmal mit mehr und mehr Ideen, die DIR so kommen, durch den Kopf gehen… In solchen „Fällen“ ist der mind doch sehr gut !!!
    JAAAA , lieber Erik,
    Resumée …
    GUT, sehr gut… wie DEIN Leben JETZT verläuft…. viel Schönheit… viel Lebendigkeit… viel innere und noch auszubauende äusserliche Aktivität… Aber DU schaffst das !!! Warum auch nicht??? Unsere Geliebten wollten nicht, das wir nur traurig weiter durchs LEBEN gehen…
    Eine BITTE habe ich an dich…
    Nicht diesen Blog aufgeben … Du wirst merken, das schreiben IMMER hilfreich ist…
    und
    NIE …nie mehr… sagen…
    Das gilt auch zu der so menschlichen Psychologin… Es kommen immer wieder einmal „besondere Tage, Emotionen hoch“ wo es einfach gut ist, wenn man dann eine vertraute Person und ihre Hilfe nicht braucht in dem Sinne, die aber dann hilf-REICH dir zur Seite steht…
    Sooo , lieber Erik,
    für JETZT einfach sehr liebe dich so gerne begleitende Grüsse werden an dich gesandt von deiner Claudia mit Burkard im Herzen und Leben… sehr im LEBEN…
    und
    aktiviere deine Freunde zu schreiben.. Das ist durchaus ja der Sinn von einem Blog…

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