Tag: Johannes (page 2 of 2)

Schlange frisst Tag

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Irgendwie hat es nichts werden sollen mit Mailand und mir. Tag 3 hatte ich nochmal so richtig nutzen wollen. Der Plan: Ich verlasse vormittags meinen Gastgeber, deponiere meinen Koffer im Hauptbahnhof in der Gepäckaufbewahrung, damit ich dann entspannt zur Expo fahren kann. Abends sollte es dann vom Hauptbahnhof aus mit dem Bus zum Flufhafen gehen. Den Schlüssel zu meinem Zimmer habe ich in der Wohnung gelassen, Tür hinter mir zugezogen – dann gabs kein Zurück mehr.  Kurz darauf der Schock: Die grotesk lange Menschenschlange, die sich da durch den riesigen Mailänder Hauptbahnhof zieht, führt geradewegs zur Gepäckaufbewahrung! Das war’s dann wohl. Schlange frisst Tag.

Erst habe ich noch versucht etwas zu retten. Aber wo verzweifelte Menschen stundenlang anstehen, um ihren Koffer loszuwerden, sind Alternativen rar. An der Expo selbst sollte es angeblich keine geben. In einem schwulen Laden in der Nähe, wo ich abends zuvor war, habe ich den Barkeeper bekniet, doch ein paar Stunden auf mein Köfferchen aufzupassen. Keine Chance. Danach eine Stunde bei Burger King totgeschlagen, nochmal nach der Schlange geschaut – die war kaum verändert. Mehr Kraft für andere Lösungen hatte ich nicht. Also habe ich auch die restlichen Stunden rund um den Bahnhof vertrödelt. Frust pur.

Plötzlich Mailand

Flucht, die II.: Am Mittwoch habe ich spontan für Freitag einen Überraschungsflug erstanden. Der hat mich nach Mailand geführt. Ansich kein schlechtes Los: Italien mag ich, in Mailand war ich noch nie – und hier ists noch sommerlich warm. Jetzt gerade, 20.40 Uhr,  sitze ich in kurzer Hose vor einer kleinen Pizzeria bei Kerzenlicht, Rotwein und Tortellini. Wäre ich nur etwas besser beieinander. Meine fragwürdige Verfassung hat mich schon einen von drei Tagen hier unten gekostet. So bin ich nach meiner Ankunft am Freitagabend nämlich, nach ähnlich romantischem Essen, noch ausgegangen. Da die Läden, in denen ich da gelandet bin, komplett spaßfrei waren (oder eben ich selbst) habe ich versucht, das mit Longdrinks zu kompensieren.  Dabei ist es mir irgendwie gelungen, mich wie ein dusseliger Teenager abzuschießen. Aber so richtig, mit allem schmerzhaften und peinlichen Drum und Dran. Gestern war also komplett gelaufen, erst war ich mit Überleben, dann mit Regenerieren beschäftigt. Abends habe ich es zu einer kleinen Runde in die Stadt geschafft, um Mitternacht war ich dann statt in der Disko lieber im 24/7-Supermarkt, habe mir ein Nachtmahl geholt und bin ab ins Bett.

Heute also mit frischen Kräften dieser Stadt gewidmet, die ich bis dato gewaltig unterschätzt hatte. Mailand ist Italien von seiner prächtigsten Seite, ohne dabei langweilig zu sein. Am Dom hat´s mir fast die Sprache verschlagen. Nahe dem Bahnhof Garibaldi hat sich die Stadt ganz neu erfunden, mit einem Zentrum zum Shoppen, Flanieren und Wohnen, das konzeptionell und architektonisch wirklich aufregend ist. Hier ist eben auch gerade Expo – das merkt man zum Glück nicht nur an den Hotelpreisen.

Unterwegs war ich heute zum Teil auch mit dem Fahrrad. Die Stadt hat ein Netz mit Fahrradstationen, das praktisch kostenlos genutzt werden kann, sofern man das Rad nicht zu lange behält. Man sieht auch viele Leute mit den Leihfahrrädern – und das, obwohl es hier praktisch keinen einzigen Fahrradweg gibt, stattdessen ein halsbrecherisches Getümmel auf holprigem Pflaster. Das ist wohl typisch Italien: Wo es sowieso schon drunter und drüber geht, machen ein paar Fahrräder auch nix mehr aus. Ich bin also, wie die anderen, frei von Regeln fröhlich auf Sicht gefahren.

Apropos fröhlich: Das bin ich längst nicht. Je schöner nämlich mein Tag, je beeindruckender die Erlebnisse, desto mehr fehlt mir Johannes. Auch Italien steckt voller gemeinsamer Erinnerungen. Zum Glück war ich noch an keinem Ort, den wir bereist haben. Der Kölner Flughafen (dort war ich mit Johannes zuletzt im Februar) hat mir schon gereicht.

Morgen will ich eigentlich, bevor abends der Flieger zurück geht, noch auf die Expo. Mal sehen. Vielleicht lasse ich es auch ruhiger angehen und beschränke mich auf einen weiteren Stadtbummel.

Danke, Herbert!

Irgendwie berührt hat mich Grönemeyers „Der Weg“ ja schon immer. Gefühlte tausend Mal habe ich den Song gehört. Gestern lief er mal wieder im Radio – und hat mich diesmal getroffen wie ein Blitz. Plötzlich könnte jede einzelne Zeile auch von mir an Johannes gerichtet sein. Bis auf zwei vielleicht: „Nordisch nobel“ – nein, das war er nie, eher bergisch aufrecht. Und: „Dein sicherer Gang“ – den hatte er höchstens im übertragenen Sinne. Ansonsten könnte ichs besser nicht formulieren. Danke, Herbert!

Ich kann nicht mehr seh’n
Trau nicht mehr meinen Augen
Kann kaum noch glauben
Gefühle haben sich gedreht
Ich bin viel zu träge
Um aufzugeben
Es wär‘ auch zu früh
Weil immer was geht

Wir waren verschwor’n
Wär’n füreinander gestorben
Haben den Regen gebogen
Uns Vertrauen gelieh’n
Wir haben versucht
Auf der Schussfahrt zu wenden
Nichts war zu spät
Aber vieles zu früh

Wir haben uns geschoben
Durch alle Gezeiten
Haben uns verzettelt
Uns verzweifelt geliebt
Wir haben die Wahrheit
So gut es ging verlogen
Es war ein Stück vom Himmel
Dass es dich gibt…

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt

Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair

Den Film getanzt
In einem silbernen Raum
Vom goldenen Balkon
Die Unendlichkeit bestaunt
Heillos versunken, trunken
Und alles war erlaubt
Zusammen im Zeitraffer
Mittsommernachtstraum

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt

Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair

Dein sicherer Gang
Deine wahren Gedichte
Deine heitere Würde
Dein unerschütterliches Geschick

Du hast der Fügung
Deine Stirn geboten
Hast ihn nie verraten
Deinen Plan vom Glück
Deinen Plan vom Glück

Ich gehe nicht weg
Hab‘ meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

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