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Ein Denkmal für Johannes (1)

Eine anstrengende Nacht liegt hinter mir. Lange und intensiv habe ich mal wieder von Johannes geträumt. Wir wussten dabei beide, dass er schon gestorben ist, hatten aber irgendwie eine zweite Chance bekommen. Leider war er wieder – oder immer noch krank – und wir hatten genauso wenig eine Chance. Also war der Traum voller Traurigkeit, verzweifelter Näher und Glück zugleich. Anstrengend.

Steinmetz1Ich weiß auch genau, was der Auslöser war. Gestern ist meine Schwiegermutter nämlich mit mir zu Henner Gräf gefahren, einem Steinmetz in Sprockhövel. Wir suchten Inspiration für ein Denkmal, das auf Johannes Grab noch fehlt. So viel ist klar: Ein dunkler, kantiger Stein mit aufgesetzten Bronzelettern wird es nicht. Ein Holzobjekt, wie mir zeitweise vorschwebte, wohl auch eher nicht. Henner Gräf war für diesen Fall wohl genau der richtige, da er sich nicht nur als Handwerker alter Schule sondern auch als Bildhauer begreift. Er hat wirklich tolle Ideen für Gräber entwickelt und sich damit einen großen Ruf erworben. Bettina und ich sind also zwischen rohen und behauenen Steinen herumgeschlendert die überall auf seinem Gelände lagern. Vor seiner Werkstatt klopfte er derweil selbst auf einem Stein, eine schöne Szene in der kalten, klaren Luft unter der niedrig stehenden Sonne.  Als wir dann etwas mit ihm sprachen, fragte er auch, was Johannes denn für ein Mensch gewesen sei. Ich merkte: Jetzt kommt es drauf an, mit ein, zwei Sätzen den richtigen Impuls für den Künstler zu geben. Was hat also Johannes ausgemacht? Das zu erfühlen, hat mich fast umgehauen und es fiel mir schwer, überhaupt ein Wort herauszubringen.

Halten wir fest, was inzwischen also sicher ist: Es wird wahrscheinlich ein Stein, eher ein zierlicher, so wie Johannes – und um das kleine Grab nicht zu erschlagen. Wahrscheinlich ein heller Stein mit lebhafter Maserung, wahrscheinlich mit Durchbrüchen, um ihn noch lichter wirken zu lassen. Und höchstwahrscheinlich werde ich bei den einfachen Arbeiten daran mit Hand anlegen. Ein wenig, weil es einen Teil der Kosten sparen hilft. Vielmehr aber, weil es mir ein Bedürfnis ist, Johannes so etwas wie ein letztes Geschenk zu machen, ein sehr persönliches Denkmal zu setzen. Ein würdiges – auch wenn ich das Gefühl habe, kein Stein kann ihm jemals gerecht werden.

 

Wenn Spuren verwischen

Ein Foto ohne Zusammenhang im Text. Dieser Aushang hätte Johannes köstlich amüsiert. Mich auch.

Ein Foto ohne Zusammenhang zum Text. Dieser Aushang hätte Johannes so herrlich amüsiert. Er hätte ihn bestimmt getwittert.

Zwei Wochen kein Eintrag mehr – da bin ich ja fast selbst beunruhigt. Woran es lag? Nun, eine Mischung aus neuer Geschäftigkeit und angeschlagener Gesundheit. Seit etwa zwei Wochen spitzt sich nämlich bei mir das zu, was ich lange als „ein bisschen schlecht Luft bekommen“ beschrieben habe. Eine Lungenärztin hatte mich neulich deshalb gründlich durchgecheckt und mir danach eine Gräserallergie und leichtes Asthma attestiert. Damit seien meine Symptome allerding nicht ganz zu erklären, schränkte sie ein. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass der Rest bestimmt psychosomatisch sei. „Welchen Tumor hatte ihr Mann denn genau?“, fragte sie noch. „Einen Hirntumor.“ Ich erwartete nicht, dass eine Lungenärztin mehr davon versteht. Von wegen. „Ein Glioblastom?“ „Ja, genau. “ „Verdammt. Ich habe das Gefühl, dass den immer mehr junge Menschen bekommen. Ich kenne mehrere Fälle.“ Vielleicht ist ja wirklich etwas dran, an den Strahlen- und Elektrosmog-Unkenrufen. Immerhin hat Johannes insgesamt bestimmt ein paar Jahre seines Lebens vor Computermonitoren verbracht, einen Teil davon vor so alten, dass im Dunkeln auf der Wand hinter ihm wahrscheinlich sein Skelett zu sehen war.

Nun habe ich es jedenfalls nicht nur mit der Lunge. Denn die tägliche Asthmatablette bewirkt rein gar nichts und die Beschwerden haben sogar noch zugenommen. Oft ist es eher ein Druck auf dem Brustkorb, manchmal  spüre ich dazu mein Herz wummern. Das fühlt sich alles sehr bedrohlich an und hat mich zeitweise lahmgelegt. Ich muss der Sache auf den Grund gehen. Ein bisschen Blut habe ich schon beim Arzt gelassen (mir Schisser hat dabei ganz arg Johannes zum Händchenhalten gefehlt), übernächste Woche gehts dann zum Belastungs-EKG. Hoffentlich wird es bis dahin nicht noch schlimmer.

Soweit die Kräfte es zulassen, bin ich ansonsten sehr beschäftigt. Hauptsächlich damit, mich auf die Zeit nach dem Krankengeld vorzubereiten. Ab Mitte März will ich in Wiedereingliederung gehen. Ja, das gibt es auch für Selbstständige. Normalerweise zahlt der Arbeitgeber in der Übergangszeit, wenn die Wochenstunden nach und nach aufgestockt werden, ein anteiliges Gehalt, den Rest die Kasse. Ob ich aber selbst genug erwirtschaften werde, um den Krankengeldausfall zu kompensieren, muss sich noch zeigen.  Derzeit bereite ich einen Flickenteppich aus kleineren Selbstständigkeiten vor, auf dem ich zumindest etwas weicher fallen dürfte. Mehr dazu, wenn es wirklich losgeht.

Zu den beruflichen Vorbereitungen kommen reichlich private Aufgaben hinzu. So bin ich zum Beispiel vergangene Woche endlich mal zur Rentenkasse gefahren. Als Witwer steht mir formal ja eine Witwerrente zu. Der Antrag dazu wiegt etwa ein Pfund und lag nicht nur wegen meiner Bürokratie-Allergie lange unbeachtet auf dem Schreibtisch. Hinzu kommt, dass mir wegen 1. meines recht jungen Lebensalters, 2. Johannes geringer AU-Rente, 3. meines halbwegs lebbaren Einkommens ohnehin keine erwähnenswerte Rente zusteht. Praktisch gar keine, sofern ich eigenes Geld verdiene. Noch schwerer wiegt aber, dass es mir zutiefst widerstrebt, durch den Tod meines geliebten Mannes einen finanziellen Vorteil zu erlangen. Außerdem musste ich mich wieder einmal mit den Eckpunkten unseres gemeinsamen Lebens befassen, als ich mich auf den Weg zur Rentenberatung machte.

Der Sachbearbeiter mit der Berliner Kotterschnauze, sagte gleich zu Anfang ganz lapidar, dass der Tod ja nun schon länger her sei und ich doch wieder voll im Leben angekommen sein sollte. Ich war schlagartig verletzt und empört. Irgendwann musste so ein Satz ja mal kommen. Ich hatte damit gerechnet, aber nicht ausgerechnet von einem, der jeden Tag mit Hinterbliebenen zu tun hat. Da versucht mir einer mein Recht auf Trauer abzusprechen! „Sie sollten doch eigentlich wissen, dass Trauer Zeit braucht…“ Sofort stand mir wieder das Wasser in den Augen. Er lenkte ein wenig ein und erzählte von sich selbst, dass er mit Mitte 40 der älteste in seiner Familie sei, alle anderen schon verstorben, alle an plötzlichem Organversagen, umgekippt, einfach tot, seine Mutter beim Kofferpacken vor dem Urlaub. Das bruhigte mich. Na gut, der Mann ist abgehärtet vom eigenen Schicksal. Insgesamt saß ich schließlich eine dreiviertel Stunde bei ihm, er füllte dutzende Seiten meiner Anträge aus und parlierte nebenbei über das Leben, das Sterben und die Rentengerechtigkeit.

Während ich dieser Tage so viel mit mir selbst beschäftigt bin, fällt mir manchmal auf, wie da und dort Spuren von Johannes verwischen. Mal klitzekleine, wenn ich das letzte Spülmaschinentab aus einer Packung nehme, die er noch eingekauft hatte, im Mai oder Juni, schon wackelig auf den Beinen, aber bis zuletzt tapfer unseren Alltag mitgestaltend.  Oder wenn ich mal wieder an seine Mails gehe. Das mache ich möglichst selten, weil es kaum etwas Deprimierenderes gibt als das Postfach eines Toten. Der ganze Strom an Spam, Newslettern und Foren-Mitteilungen fließt unbekümmert weiter. Aber es gibt keine persönlichen, substanziellen Mails mehr. Nur noch das hässliche Grundrauschen in dem dauernd sein Name auftaucht, ohne dass er wirklich gemeint ist.

KeyboardVergangene Woche hatte ich meine erste Klavierstunde nach Jahren. Wieder Jazzklavier, wieder beim gleichen, tollen Musiker. Der Weg dorthin war hoch emotional. Voller Erinnerungen an eine Zeit, als es Johannes und mir noch prächtig ging – und ich bloß zu undiszipliniert war, um Fortschritte am Klavier zu machen. Damals, einige Zeit vor der Krankheit, hatte er mir ein Keyboard geschenkt, weil er sich so sehr wünschte, dass ich an meine zwölf Jahre klassischer Ausbildung anknüpfe. Dass er endlich mal etwas von mir zu hören bekommt. Das bekam er bis dahin nur höchst selten, weil ich mich immer  geziert habe, mit meinen eingerosteten Fingern. Selbst als er krank war und das Keyboard schon einigen Staub eingefangen hatte, schenkte er mir nochmal ein dickes, richtig gutes Jazzklavier-Lehrbuch. Einfach so, als Impuls. Während ich also  zu Robert Boden ging, dem Jazzmusiker und Klavierlehrer, war ich Johannes ganz nah.

Entsprechend wichtig ist mir nun das Üben. Doch ausgerechnet das ist momentan nicht möglich, weil ich das Keyboard nicht angeschlossen bekomme. Das gute Stück erzeugt nämlich selbst keinen Klang, sondern gibt nur Steuersignale an den Computer weiter. Und an dem hängt’s nun. Linux Mint, mein Betriebssystem, ist dabei auch echt kompliziert. Viele Stunden habe ich mich inzwischen durch Google, Linux-Foren und Fehlermeldungen gequält, wenig verstanden und vieles ausprobiert. Johannes hätte das sicher fix hinbekommen. Nun bin ich auf Mail-Support von Freunden angewiesen, was ungleich mühsamer ist. Für alle. Normalerweise hätte ich längst den Kram hingeschmissen und es eben sein gelassen mit dem Klavierspielen. Doch diesmal geht das nicht. Ich muss da durch. Das ist Herzenssache.

Training für den Trauermuskel

IMG_1971Drei Dinge wollte ich Anfang Oktober noch vor der Abreise nach Asien erledigen. Da wusste ich noch nicht, wie schwer jeder einzelne Punkt werden würde. Erst gestern konnte ich einen Haken hinter den ersten machen: Ich war in unserem Fitnessstudio. Der Vertrag dort ist längst gekündigt und läuft Ende Januar aus. Da wollte ich doch vorher nochmal reinschauen. Reinspüren, ob es wirklich so schlimm ist.

Und ja, es war grausam. Unseren alten Routinen folgend, bin ich zum Aufwärmen auf den Crosstrainer gestiegen, vor mir die Reihe der Laufbänder. Genau dort war Johannes immer, in seinen langen schwarz-glänzenden Trainingssachen, hat das Tempo eingestellt und ist dann leicht hinkend losgetrabt. Ich habe in seinem Rücken jede Sekunde mitgefiebert, denn motorisch verlangte ihm das Laufen Höchstleistung ab. Zwei Minuten 45, 50, 55… geschafft! Bei drei Minuten gab’s ein dickes Lob von mir. Dann sind wir in die Halle ausgeschwärmt, haben unsere Übungen gemacht, dazwischen immer mal ein Wort gewechselt. „Wie läuft’s?“ „Ganz gut.“ Jeden Mittwoch ist er für eine Stunde in den Keller gestiegen, der Tapfere, zum Qi Gong, meistens mit einer Handvoll älterer Frauen.

Es war ein magischer Ort. Ich war so glücklich und so stolz auf ihn, wenn er mal wieder zeigte, was er wie kein anderer beherrschte: Disziplin. Gutes für sich tun. Aus der Lage das Beste machen. Obwohl wir halbwegs diskret waren, fielen wir natürlich auf. Beobachtern war schnell klar, dass wir mehr Paar als Trainingspartner sind. Gestern fiel ich wohl auch dem einen oder anderen auf. Wow, der schwitzt ja aus den Augen! Zum Glück ist das Studio überwiegend von Normalos bevölkert, da war mir das nicht so peinlich. Testosteron-Geschädigte sind in der Minderheit.

Nach einer halben Stunde ging es langsam etwas besser und ich kam auf den Gedanken, dass es mit dem Trauern vielleicht wie mit den Muskeln ist: Es braucht etwas Training. Mit der Zeit kommt man besser mit den (inneren) Gewichten klar. Jedenfalls halte ich es jetzt auch schon etwas besser in Johannes Zimmer aus. Meine Bücher stehen dort, das zwingt mich täglich dazu hineinzugehen. Kritisch wird es nur, wenn ich zum Beispiel etwas suche und dazu ganz bewusst seine Dinge in die Hand nehmen muss. Wenn ich mit seinem Rechner nicht klarkomme und ihn nicht fragen kann, was er sich dabei gedacht hat. Wenn das Maß dann voll ist, brechen die Dämme.

Seine Pyschologin sagte mir, dass es etwa ein Jahr dauert, bis in den Träumen nicht mehr der kranke Partner auftaucht, sondern wieder der gesunde. Ich kann es kaum erwarten – und bin vielleicht schon auf dem besten Weg dorthin. Kürzlich habe ich geträumt, wie mein geliebter Mann gemeinsam mit mir irgendwelche Alltagsprobleme bewältigt. Ich weiß nicht mehr was es genau war, etwas komplizierter als Einkaufen und Kochen, aber eben nichts Weltbewegendes. Es war ein langer, wunderschöner Traum. Zu schön um wahr zu sein. Deshalb habe ich Johannes nach einiger Zeit beiseite genommen – es sollte ja nicht gleich jeder die ungeheure Frage hören, die ich ihm stellte: „Du bist nur ein Geist, stimmts?“ „Ja“, sagte er leise, und fiel mir schluchzend um den Hals. Ich wachte auf, weil ich keine Luft mehr bekam.

Ein kleines Stückchen loslassen

Heute fehlt mir Johannes mal wieder ganz praktisch: Zum ersten Mal habe ich ein Computerproblem, das 1. schwerwiegend und 2. mit meinem eher laienhaften Verständnis und viel googeln nicht zu lössen ist. Java läuft einfach nicht mehr auf meinem Rechner. Mit unangenehmen Folgen: Just in diesem Moment sitzt irgendwo da draußen in der Republik ein Go-Spieler und wartet online darauf,  dass ich zu einer lange einberaumten Turnierpartie erscheine. Geht nur leider nicht, weil ich das gängige Go-Portal ohne Java nicht betreten kann. Auch kontaktieren kann ich den armen, wahrscheinlich frustrierten Gegner nicht. Mein geliebter Mann hätte das sicher hingekriegt, wahrscheinlich in wenigen Minuten. Solche Situationen hatten uns zuletzt immer wieder glücklich gemacht, weil auch ich mal von ihm abhängig war. Und so dankbar für seine Hilfe. Und so stolz auf seine Fähigkeiten.  So aber bin ich mit meinem Latein am Ende. Gegen den Frust schreibe ich jetzt Blog.

IMG_5625Die Idee von Claudia, in Johannes Zimmer Reisende aufzunehmen, ist mir wenige Tage zuvor auch selbst gekommen. Sie gefällt mir wahrscheinlich deshalb so gut, weil dadurch zunächst auch Teile dieses Raums erhalten bleiben könnten. Der überdimensionale Schreibtisch muss weg, ganz klar. Vielleicht stelle ich dann aber statt eines Bettes auch ein paar zusätzliche Bücherregale auf. Seit wenigen Tagen verkaufe ich nämlich gebrauchte Bücher auf Amazon. Hintergrund ist der finanzielle Druck, den ich seit Wochen immer stärker spüre. Jeden Monat mache ich ein paar hundert Euro Miese – und in Kürze wird es noch viel schlimmer, wenn ich wieder ganz auf eigenen Beinen stehen muss. Da hat mich ein Freund in Köln doch neugierig gemacht, der mir schilderte, wie er quasi nebenbei mit dem Bücherverkauf ein nettes Zubrot verdient.

Also habe ich in den vergangenen Tagen mehr als ein Dutzend Bücherkisten durchforstet, mehr als 500 Bücher. Rund 150 davon stehen jetzt bei Amazon zum Verkauf – und jeden Tag trudeln Bestellungen ein! Das macht zwar nicht reich, hilft aber ein bisschen. Und macht Riesenspaß. Denn ich komme in eine Art Goldrausch, wenn ich mich so durch die Stapel wühle und jedes Buch auf seinen Wert hin prüfe. Barcode scannen, ISBN oder Stichworte eingeben – und pling, steht da, ob ich gerade einen potenziellen 10-Euro-Schein in der Hand halte oder eine 1-Cent-Niete.

Die Not hat mich seit Jahresanfang tatsächlich auf Trab gebracht. Das fühlt sich gar nicht mal so schlecht an, eher sehr lebendig. Ich bin gezwungen, mein Leben stärker zu strukturieren. Eines Abends, als ich müde ins Bett gefallen bin, ist mir plötzlich ein besonderer Satz durch den Kopf geschossen. „Das war doch ein ganz schöner Tag, oder?“ Mit dieser arglosen Frage haben Johannes und ich manchmal den Tag resümiert und uns gegenseitig daran erinnert, dass wir dankbar für alle unbeschwerten, gemeinsam Stunden sein sollten. Seine Antwort war meistens ein zufriedener Stoßseufzer: „Ooooh ja!“

Es hat sich noch mehr getan. Am Mittwoch war ich zum letzten Mal bei seiner Psychologin. Ja, richtig: bei seiner. Denn etwa im April, als diese elende Krankheit ihn immer fester in den Klauen hatte, wünschte er sich gelegentlichen professionellen Beistand. Die Düsseldorferin war eine Empfehlung, weil sie einfühlsam, pragmatisch und erfahren ist. Aber auch, weil sie selbst ihren Mann bis zum Krebstod hat begleiten müssen und inzwischen mit einem weiteren Mann zusammen lebt, der seine Frau durch einen Hirntumor verloren hat. Sie war ihm sofort sympathisch und er ihr wohl auch. Jedenfalls habe sie ihm gut geholfen, sagte er mir. Eine handvoll Sitzungen gab es, zu denen ich Johannes immer gefahren habe. Zuerst konnte er selbstständig die Stufen zur Praxis steigen, dann musste ich ihn stützen. Das letzte Treffen mussten wir absagen, weil er kaum noch transportabel war.  Dafür wollte die Psychologin dann zu uns nach Hause kommen. Doch die Ereignisse waren noch schneller. Letztlich sah sie Johannes ein letztes Mal im Krankenhaus, eine Woche vor seinem Tod.

Anschließend hatte ich selbst das Bedürfnis, sie zu sehen. Zum einen kennt sie sich mit Trauer gut aus. Zum anderen stellte sie so etwas wie eine Verbindung zwischen Johannes und mir dar. Vielleicht fünf Male war ich selbst dort. Beim ersten Mal kamen mir auf der Treppe die Tränen, weil ich zuletzt mit Johannes diesen Weg gegangen war, hinauf zu diesem wohligen Ort der Zuflucht. Und nun, vor wenigen Tagen, wusste ich plötzlich, dass es das letzte Treffen mit ihr sein sollte. Wir sprachen darüber, wie ich mich seit dem Todestag verändert habe, wo ich auf dem Trauerweg wohl stehe und wie die Aussichten sind. Das war alles gut, hatte aber nicht mehr den Charakter der seelischen Ersten Hilfe, so wie am Anfang. Es gibt tatsächlich eine Entwicklung, das ist jetzt klar. Ich bin ruhiger und stärker geworden. Deshalb war ich dann doch erstaunt, dass nach der Verabschiedung auf meinem Rückweg wieder die Tränen flossen.  Die Erklärung kam mir etwas später: Es lang an dieser speziellen Verbindung zu Johannes, die sie verkörperte – und die ich nun losgelassen hatte.

Mein zweites Coming-Out

imageUnsere Winkekatze lahmt. Wie ich heute nach der Maneki-neko geschaut habe, zuckte der linke Arm nur noch. Das hat mich einerseits traurig gemacht, weil sie ja seit dem Frühjahr nonstop gewunken hat, damals noch für Johannes. Andererseits entspricht es auch meiner eigenen Gefühlslage, die in den letzten Tagen doch merklich ruhiger geworden ist. Nachdem ich an Silvester nochmal tief in den Erinnerungen gewühlt habe, ging es mir etwas besser. Der Abend in Brno ist trotzdem – oder deswegen – nicht allzu lang geworden, nach ein paar Bier fand ich es in der einzigen, proppevollen Szenedisko einfach zu verqualmt und habe mich in mein Zimmer zurückgezogen.

Am nächsten Morgen ging es dann nochmal für zwei Nächte nach Dresden weiter, wo ich endlich ganz gepflegt den Touristen gegeben und mich einer Stadtführung angeschlossen habe. Leider zu Fuß, was sich angesichts langatmiger Geschichtsvorträge bei Eiseskälte als ungeschickt erwies. Gleichwohl war alles in Ordnung mit meiner kleinen Reise.

Was mir unterwegs wieder einmal auffiel: Sobald ich neuerdings Menschen kennenlerne, gibt es wieder so etwas wie ein Outing. Eine Information über mich, die gleichermaßen bedeutsam und überraschend für mein Gegenüber ist. Früher war das mein Schwulsein. Es hat mehrere Jahre und viel Übung gebraucht, bis ich diesen kleinen Unterschied in meinem Leben wirklich beiläufig rüberbringen konnte. Bis mein Selbstverständnis echt war und nicht gespielt. Manche Kollegen bei der Zeitung erfuhren erst nach zwei, drei Jahren der Zusammenarbeit davon, dass ich einen Mann habe. Aber eben nicht, weil ich es verheimlicht hätte, sondern weil es sich einfach nicht ergeben hatte – und es auch sonst niemand wichtig genug fand, um es hinter meinem Rücken zu verbreiten. Davor war es immer ein Eiertanz. Soll ich es sagen? Oder lieber das Thema meiden? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie lasse ich es nicht allzu wichtig erscheinen?

So ähnlich geht es mir jetzt unfreiwillig wieder. Mehrfach gab es in den vergangenen Wochen jemanden, der nicht aus Deutschland stammte, der irgendwann den Ehering an meiner Hand entdeckte. Und dann lief es ungefähr so:
„Oh, bist Du verlobt?“
„Nein, in Deutschland trägt man den Ring rechts, wenn man verheiratet ist, überall sonst auf der Welt ist es andersrum.“
Großes Erstaunen bis Entsetzen. „Also bist Du verheiratet?“
„Hm… nein. Ich bin Witwer. Mein Mann ist kürzlich verstorben.“
Es folgt ein kurzer Schreckensmoment, danach oft ein kurioser Satz:
„Wir brauchen nicht darüber sprechen, wenn Du nicht magst.“ Eigentlich heißt das natürlich: Bitte lass uns nicht darüber sprechen, ich kann damit nicht umgehen. Weil ich das weiß, belasse ich es inzwischen meist dabei. Es wäre ja auch sinnlos, auf dieser Basis über Tod und Trauer zu sprechen, selbst wenn ich es wollte. Ich habe sogar schon erlebt, dass von meinem Gesprächspartner einfach gar keine Reaktion kam. Dann frage ich nach, ob er weiß, was „Widower“ bedeutet. Jaja, wisse er. Betretenes Schweigen. Na gut, dann weiß er es jetzt. Es ist ein besonders unbequemes Outing, weil es die andere Seite zwingt, irgendwie Stellung zu beziehen.

Zurück zu Hause, hat mich vor allem eines umgetrieben: Wovon ich in nächster Zeit leben soll. Noch ist es Krankengeld, mehr schlecht als recht. Doch das endet bald – und ein auskömmliches Einkommen ist nicht in Sicht. Viele Eisen habe ich ins Feuer gelegt, keines habe ich bisher so richtig zu schmieden geschafft. Besonders gravierend ist die Sorge, aus der viel zu großen, gemeinsamen Wohnung ausziehen zu müssen, weil sie mir zu teuer ist. Das kann und will ich momentan aber nicht. Sie tut mir schon nicht mehr ganz so weh, ist aber sehr wohl noch eine Möglichkeit, meinem geliebten Mann nahe zu sein. Vielleicht sollte ich der Maneki-neko den „Reichtum“-Aufkleber und eine neue Batterie verpassen? Ach,
Blödsinn. Gesundheit hat sie bisher ja auch nicht gebracht.

Das dicke Ende für dieses Jahr

Machen wir`s kurz: 2015 war im schlimm. Eine Achterbahnfahrt ohne Gurt. Da gab es natürlich Momente, in denen ich oben war. Aber eben nur kurz und dann auch noch kopfüber. Da braucht es eigentlich keinen Rückblick. Außerdem arbeite ich daran ja schon bruchstückhaft in diesem Blog, das hat sich auch heute wieder so ergeben. Diesmal sogar etwas mehr. Wer also nur wissen will, wo ich gerade so stecke, sollte nach dem folgenden Absatz aussteigen. Danach geht es nämlich nochmal ans Eingemachte. Deshalb sage ich auch an dieser Stelle schon Danke. Danke jedem, der in diesem schlimmen Jahr bei uns und bei mir war. Euch allen Glück und Gesundheit! Auf dass 2016 besser wird.

Einmal gründlich durchschütteln: Der JumpPark in Brno.

Einmal gründlich durchschütteln: Der JumpPark in Brno.

Heute habe ich Luftsprünge gemacht. Natürlich nicht vor Freude, sondern auf großen Trampolinen, im JumpPark in Brno. Kein schlechter Zeitvertreib für den Jahresausklang, so viel wusste ich. Denn ich war schon im September hier. Kurz nach der Trauerfeier war ich ja spontan ins Auto gestiegen und hatte eine ähnliche Tour unternommen, wie ich sie jetzt gerade mache. Da hatte ich zum ersten Mal den JumpPark für mich entdeckt und fand in der Hüpferei ein Mittel um mich selbst ein wenig selbst zu spüren. Zwei Mal war ich dann gleich dort. Diesmal war mein Besuch weniger für die Psyche notwendig, als für den Körper. Die letzten Tage haben ganz schön angesetzt – und nichts ist so fordernd, wie diese Trampoline. Anderthalb Liter Wasser habe ich heute binnen einer Stunde getrunken, wahrscheinlich aber zwei ausgeschwitzt. Und sonst? Prag blieb für mich diesmal unspektakulär, aber ein Ort zum Wohlfühlen. Meine Trauer ist noch ruhiger geworden.

Das gab mir die Möglichkeit, mich in den letzten Stunden dieses Jahres einmal den letzten Stunden von Johannes zu nähern. Die Erinnerungen daran sind die vielleicht schmerzhaftesten überhaupt, deshalb hatte ich bisher meist einen Bogen darum gemacht. Zum einen schmerzhaft, weil es schier unerträglich war, diesen geliebten Menschen leiden zu sehen. Den Verfall zu begleiten, scheinbar ohne noch einen Einfluss zu haben. Diese Hilflosigkeit. Seine Lebensfreude verlöschen zu sehen, die doch sonst stark genug war, um uns beide zu beflügeln.

Zum anderen, weil ich so verzweifelt wie erfolglos versucht habe, das Beste für ihn zu tun. Es ging schon seit dem Jahresanfang mit den medizinischen Entscheidungen los, die sich im nachhinein immer als die falschen erwiesen haben. Nein, ich mache mir keinen Vorwurf daraus. Tragisch bleibt es dennoch, dass wir die wachsenden Metastasen im Rückenmark lange übersehen hatten und die dadurch heikle Bestrahlung mit zu viel Kortison absichern mussten, das ihm wiederum übel zugesetzt hat. Dass niemand die scheußliche Lagerungswunde am Gesäß erkannt hat, die ihn monatelang peinigte. Dass wir wertvolle Zeit mit Avastin verloren haben, das bei ihm keinerlei Wirkung zeigte. Und dass wir schließlich zu spät auf das hoffnungsvolle CUSP9-Protokoll gesetzt haben.

So sind wir also immer hektischer den Entwicklungen hinterhergelaufen. Und wie schon an anderer Stelle gesagt: Dass es bald zuende gehen würde, war mir dabei viel zu lange nicht klar. Also waren wir, was uns beide angeht, auch darauf nicht vorbereitet. Als es unausweichlich wurde, lag Johannes schon im Krankenhaus – und nicht im Hospiz, wie wir Angehörigen es ihm gewünscht hätten. Und auch nicht zuhause, wie er selbst es sich gewünscht hatte. Einige Tage lang hatte ich es versucht und ihn in Vohwinkel gepflegt. Erstmals räumlich getrennt, er im Pflegebett in seinem Arbeitszimmer, ich in unserem Schlafzimmer. Die Klingel an seinem Bett war im Dauerbetrieb, ich damit auch. Alles war aus den Fugen geraten. Ständig gaben sich Pflegerinnen und Ärzte unsere Klinke in die Hand, dazwischen strapaziöse Toilettengänge, Essversuche, Schmerzattacken. Als die Schmerzen selbst mit aberwitzigen Medikamenten-Gaben nicht stabil in den Griff zu bekommen waren – zuletzt setzte ich sogar Spritzen – zogen wir die Reißleine und brachten ihn ins örtliche Krankenhaus. Es sollte nur eine Übergangsstation sein, um ihn etwas aufzupäppeln und die Schmerzmittel vernünftig einzustellen. Es wurden neun Nächte daraus, bis zu seinem Tod.

Natürlich drehte sich in den letzten Wochen ständig alles um seine Leiden und darum sie zu lindern. Dabei blieb dann aber wenig Raum und Kraft für uns, für so etwas wie die letzte große Aussprache. Immerhin: Sein Zimmer lag gleich neben der Palliativstation und deren Schwestern versorgten ihn mit. Außerdem wurden keine anderen Patienten in sein Zimmer gelegt. Ich durfte das freie Bett haben.

An einem Sonntag starb er. Eine Woche zuvor am Samstag kamen unsere Freunde aus Düsseldorf zu Besuch, mit denen wir in den vergangenen Jahren so viel gereist sind. Das machte ihn munter und zuversichtlich. Er bekam zu diesem Zeitpunkt erstmals niedrig dosiertes Morphium, kontinuierlich über eine Pumpe. Doch er war unternehmungslustig. Also setzten wir ihn in einen Rollstuhl, die Pumpe auf seinen Schoß – und los gings. Das war großartig: Ich durfte nochmal gemeinsam mit mit meinem geliebten Mann etwas erleben! Dass es nur der Klinik-Garten war, in den ich ihn schob, machte gar nichts. Im Gegenteil: Johannes mochte schon immer die Natur und freute sich nach den Tagen im Pflegebett so rührend über das Grün, den Blick auf den Teich und über alle Blüten, die wir ihm zum Schnuppern reichten. Es war das allerletzte Mal, das er glücklich wirkte. Wieder im Zimmer, verabschiedete er unsere Freunde mit einem Satz, der uns ins Mark fuhr: „Schön, dass ihr nochmal da wart.“

Am Dienstag meinte die Palliativschwester plötzlich, wir sollten unsere Betten doch zusammenrücken. Noch während ich zögerte, fing sie schon an umzuräumen und die Ritze zwischen den Betten mit einer gerollten Decke zu stopfen. Vor der Tür erklärte sie leise, dass sie nun den Eindruck habe, er werde in Kürze sterben, daher ihre Eile und Entschlossenheit. Sie drückte mir eine Broschüre über den Sterbeprozess in die Hand. Kaum hatte ich die paar Seiten neben Johannes liegend gelesen, ging es auch schon los. Er sagte etwas, wie: „Bitte bleibe jetzt bei mir!“ Nach zwei Tagen mit nur wenigen klaren Momenten wirkte er plötzlich wach, aber voller Angst. Ich sollte dabei sein, wenn er stirbt – das hatte er mir schow vor Tagen gesagt. Dass ich just in diesem Moment bei ihm sein sollte, konnte dann wohl nur eines heißen. Ich schickte die Nachtschwester, die irgendetwas wollte, wieder raus, sagte ihr, sie möge eine Stunde fernbleiben. Sie, ganz der Drache, fauchte erst, sah dann aber meinen Ernst und beließ es dabei.

Einen Moment später lagen Johannes und ich wieder Arm in Arm. Die letzte Gelegenheit für große Worte, dachte ich. Und auch seine Gedanken schienen in diese Richtung zu gehen. Schon etliche Wochen zuvor hatte ich ihn gebeten, ein Tondokument für mich aufzunehmen mit einer Botschaft, an die ich mich nach seinem Tod halten kann. Das hatte er zur Kenntnis genommen, war aber nicht mehr darauf eingegangen. Einerseits wusste ich zwar, dass er die wirklich wichtigen Dinge nie vergisst, andererseits war er ja nicht bei Kräften, immer nur mit der Krankheit beschäftigt. In jenem Moment in der Klinik, als wir beide an sein Sterben dachten, aneinander geklammert, kam es also plötzlich zu folgendem Dialog (den ich wenig später aufgeschrieben habe):

Er: Scheiße, ich habe vergessen, die Kassette für Dich zu besprechen!

Ich: Was hättest Du mir denn sagen wollen?

Er: Dass ich Dich über alles liebe. Dass Du der beste Ehemann bist, den ich mir wünschen konnte. Und dass Du Dich so wunderbar um mich gekümmert hast.

(Pause)

Er: Es tut mir so leid. So sollte es nicht enden.

Ich: Aber wir haben immer das Beste aus allem gemacht.

Er: Oh ja, wir haben das Beste daraus gemacht.

Ich: Meine glücklichste Zeit mit Dir war die kurz vor der Krankheit. Aber gleich danach kommt die Zeit der Krankheit. Das war so schön, wir haben so viel erlebt und uns so viel Zuneigung gegeben… Danke.

Ich (entdecke eine Träne in seinem Augenwinkel, erstmals in zwölf Jahren, sage spaßhaft): Oh, Du weinst ja doch – dass ich das noch erleben darf.

Er (flüstert): Erwischt.

Dieser Moment mit ihm ist mir unendlich wichtig. Es waren Worte, die immer in der Luft lagen, aber eben nie ausgesprochen wurden. Lieber nach vorne schauen. Gerade keine Zeit dafür. Wir wissen doch, dass wir uns lieben. So kam es nie dazu.

Es gab noch einen weiteren Schlüsselmoment am Sterbebett. Leiner einen mit bitterem Beigeschmack. Denn an jenem Dienstagabend ist er einfach nur weggedämmert, während ich aufgewühlt und ängstlich neben ihm lag und seinen Schlaf bewachte. Am Freitag darauf war das Morphium bereits merklich erhöht worden, erstmals sollte er außerdem ein Sedativum bekommen, ebenfalls mit der Pumpe. Schlafen zu dürfen, schien ihm inzwischen sehr recht zu sein, das Lebenslicht flackerte nur noch klein und schwach. Den Tag über war es überraschend nochmal aufgeflammt, da hatte er nachmittags plötzlich seine Eltern bei sich haben wollen um sich zu verabschieden. Hat seinen besten Freund angerufen. Der saß zwar noch morgens im Krankenhaus an seinem Bett, doch daran konnte Johannes sich nicht erinnern. Für ihn war eben genau in diesem Moment der Zeitpunkt gekommen.

Tja, und dann war es Abend, gegen 19 Uhr, und er sollte mit dem zweiten Medikament schlafen. Vielleicht nie wieder aufwachen. Ein „vielleicht“, das mich wahnsinnig machte, weil ich ihn natürlich bei mir haben wollte, nichts mehr fürchtete als seinen Tod – und weil ich nicht wusste, wann es wirklich Zeit ist, sich zu verabschieden. In diesem Punkt hat er mir eigentlich geholfen – wenn ich die Signale denn aufgenommen hätte. Er bat mich nämlich erneut, bei ihm zu bleiben bis er schläft.

Ich telefonierte noch schnell mit seinen Eltern, mit denen ich während dieser Tage abends oft ein, zwei Stunden lang in der Nähe Essen ging. Eine kleine Auszeit mit jenen Menschen, die Johannes und mir am nächsten standen. Dieses Ritual war mir wichtig, auch an diesem besonders schweren Tag. Ich sagte ihnen, dass wir wohl gegen 20 Uhr essen gehen könnten. Bis dahin, war ich mir sicher, würde Johannes längst schlafen.

Dann saß ich auf der Bettkante und hielt seine Hand. Es gab nichts mehr zu sagen, die Hand zu halten war für uns beide genug. Oder auch nicht: Er richtete sein eines Auge (das andere war zugequollen) auf mich und deutete an, dass er einen Kuss haben will. Also haben wir uns geküsst. Hauptsächlich ich ihn. Dann haben wir wieder Hände gehalten. Nur einschlafen konnte er nicht, obwohl die Dosierung schon erhöht worden war. Klammerte er sich an dieses letzte Stück Leben? Diesen letzten wachen Augenblick? Ich wagte das so Naheliegende einfach nicht zu denken. Und selbst jetzt, da ich es schreibe, kommen mir die Tränen.

Nach einer Stunde an seiner Bettkante habe ich es nicht mehr ausgehalten. Das Sitzen. Die Situation. Es schien fast, dass er nicht schlafen konnte, genau weil ich dort saß. Unsicher, wie sehr er schon dämmerte, habe ich dann leise gesagt, dass ich nun mit seinen Eltern essen gehen würde und danach wieder bei ihm sei. Darauf habe ich mich davongeschlichen. Er sah so aus, als würde er mir aus dem Halbdunkel des Raumes nachblicken, wie ich aus der Tür ging. Doch zurück konnte ich auch nicht mehr. Danach habe ich mich so richtig mies gefühlt, als ob ich ein großes, wichtiges Versprechen gebrochen hätte. Klar, ich war die allermeiste Zeit in diesen neun Tagen und Nächten bei ihm. Auch in wertvollen Momenten. Aber in diesem nicht so ganz. Das wurmt mich.

Am nächsten Tag kam er nur kurz und wenig zu Bewusstsein. Wir hatten das Sedativum etwas abgedreht. Er schien dafür gar nicht dankbar zu sein und wollte schleunigst wieder abtauchen. Durfte er auch. Am Sonntagmittag war es dann so weit. Ich will oder kann über diesen letzten Moment nicht schreiben (und liebe Claudia: die Bilder davon bleiben freilich unter Verschluss), nur so viel: Es war ein leiser Moment – und ich war, so wie er es wollte, bei ihm.

Übergang unterwegs

imageSo, Weihnachten wäre geschafft. Und es war gar nicht so schwer wie zunächst erwartet. Nachdem ich aus Barcelona zurückgekommen war, hatte ich ein paar sehr trübe Stunden. Kurz vor den Feiertagen wurde es dann wieder besser. Und an Heiligabend selbst wurde mir klar, warum dieses Fest mir nicht so viel anhaben kann: Weil es auch bisher nicht so viel danstellte, weder für Johannes noch für mich. Die Feier bei seinen Eltern ist nicht so sehr mit Bedeutung aufgeladen, sie hat wenig Fallhöhe. Was ich vor zwölf Jahren, als ich meine Familie kennenlernte, noch ein wenig bedauerte, diesen gewissen Mangel an Feierlichkeit, das habe ich irgendwann als Unaufgesetzheit zu schätzen gelernt. Diesmal hat es mir sogar sehr geholfen.

Im Übrigen heißt das nicht, dass es keine besonderen Herzensmomente gegeben hat. Einer kam in Form eines Gutscheins daher. Sechs Monate Klavierunterricht darf ich nun nehmen – ich will es nochmal mit Jazzklavier versuchen. Das Geschenk selbst hat mich gefreut, aber nicht überrascht. Der Gutschein aber hatte es in sich: so viel Mühe, so viel Liebe! Umgekehrt hat sich ein kleinerer Trauer-Brocken aufgelöst, indem ich meinem Schwiegervater das iPad von Johannes schenken konnte. Dieses Gerät spielte für meinen geliebten Mann eine zentrale Rolle. Es war für ihn ein ständiger Begleiter, Werkzeug und Zerstreuung zugleich, täglich in Händen, immer griffbereit. Viel von seinem Wesen und seinen Interessen spiegelte sich in der Gestaltung, der Ordnung und der App-Sammlung wider. Es war deshalb eines der großen Problemfälle. Ständig habe ich es auf der Arbeitsplatte der Küche und in meinem Kopf hin- und hergeschoben.

Jetzt hat es den perfekten Platz gefunden. Johannes hätte es seinem Vater nämlich sehr, sehr gerne gegeben, wie er ihm überhaupt stets gerne Geschenke gemacht hat. Wir haben es bewusst weitgehend so gelassen, wie Johannes es eingerichtet hatte. Na gut, ich habe einige voluminöse Pokémon-Apps gelöscht, auch die Mailkonten und die Fotos. Diese Vorbereitungen haben mich einen ganzen Tag gekostet, schließlich wollten die Bilder ja gesichtet und verarbeitet sein.

Jetzt ist wieder Trauerpause, so scheint mir. Weil mir für die Zeit zwischen den Jahren nichts Besseres einfiel, habe ich mich gestern wieder ins Auto gesetzt, Mitfahrer eingesammelt (ich achte jetzt sehr aufs Geld!) und bin nach Prag gefahren. Hier sitze ich jetzt nach der langen Tour, Disko bis um morgens sechs und vier Stunden Schlaf im Auto, erstaunlich ausgeruht, regelrecht vergnügt. Vor meiner Nase brummt die Stadt in der Sonne, tausende Touristen sind ausgeschwärmt, auf dem Wenzelsplatz drängen sie sich um die Weihnachtsmarkt-Buden.

Zwei Nächte will ich hier bleiben, moderne Kunst und den Zoo sehen. Was danach kommt, wird sich zeigen. Silvester, schätze ich mal. Und da dürfte ich nicht ganz so mühelos durchkommen. Denn der Jahreswechsel mit Johannes hat mir immer sehr viel bedeutet. Ein echter Anlass, Rückblick und Ausblick voller Dankbarkeit, Sorge und Hoffnung – das war Silvester zuletzt. Ein paar innige Minuten, die im Getöse des Feuerwerks eher noch intimer wurden. Wahrscheinlich werde ich mir diesmal eine ähnliche Situation suchen: Einsam in der Menge. Alleine mit Johannes.

Nachtarbeit

Manchmal kommt es mir so vor, als müsse ich mich tagsüber davon erholen, was ich nachts so treibe. Und damit meine ich nicht die lange Samstagnacht in Barcelona oder die drei Bier gestern Abend. In letzter Zeit ist viel in meinen Träumen los. Mein geliebter Johannes taucht dann auf. Mal ist er gebrechlich und pflegebedürftig, mal nur unmerklich krank. Krank ist er leider immer. Aber es tut nicht immer gleich weh. Manchmal bin ich einfach nur glücklich, dass er wieder da ist. Da macht es fast nichts aus, wenn in mein Bewusstsein die Erkenntnis sickert, dass er ja schon tot ist und seine Erscheinung womöglich gar nicht real. Das schiebe ich dann schnell beiseite. Die Bilder sind auch, wenn ich sie mir jetzt vor Augen rufen will, sehr verschwommen. Nur Fragmente kann ich erinnern. Etwa, dass wir zu zweit auf einer Art Kettcar durch die Nacht strampeln. Irgendwelche Aufgaben haben wir zu erfüllen – oder sind wir auf der Flucht? Ach, vielleicht beides. Es ist ohnehin mehr ein Gefühl davon übrig geblieben. Das von Nähe und Geborgenheit, wir wir da eng aneinander geschmiegt auf diesem gebrechlichen Vehikel sitzen. Das von gemeinsamer Stärke und Unbezwingbarkeit, veredelt durch ein wenig Verzweiflung.

Das Futter für derlei Träume liefert mir meine Trauerarbeit am Tage. Zum Beispiel habe ich jetzt die Speicherkarte unserer kleinen Digital-Knipse ausgelesen. Darauf waren unter anderem noch Bilder von unserem letzten Ausflug nach Holland, den er noch halbwegs genießen konnte. Da sind wir, obwohl es zwei Wochen später in eine Ferienwohnung an den Strand von Den Haag gehen sollte, schonmal spontan auf die Halbinsel Voorne gefahren, südlich von Rotterdam. Schnell losfahren, solange es nocht geht! Die Bestrahlung seiner Rückenmarks-Metastasen lief noch und er war währenddessen täglich etwas schwächer geworden. Das haben wir vor allem auf die Unmengen von Kortison geschoben, dier er nehmen sollte, damit es nicht auch noch zu Schwellungen im Rückenmark kommt. Das hätte Querschnittslähmung und Rollstuhl bedeutet. Doch die große Schwäche zwang ihn auch so schon an den Rollator. Jeder Gang, jedes Vergnügen bedeutete plötzlich so große Mühen. Aber wir waren sicher, dass er da mit Training wieder rauskommt. Er war so unfassbar zäh und tapfer.

Die Erinnerungen schmerzen umso mehr, je näher sie sich dem Ende nähern. Auch deshalb, weil ich wieder fühle, wie verzweifelt optimistisch wir waren. Knapp vier Wochen vor seinem Tod habe ich überhaupt erst in Betracht gezogen, dass er sehr bald sterben könnte.  Dessen sicher war ich mir erst eine Woche vorher. Alle anderen waren da schneller. Realistischer. Die Bilder des toten Johannes gibt es auch, ich kann sie momentan aber noch nicht ertragen. Die folgenden Fotos aus Rotterdam sind schon schlimm genug. Auffällig finde ich, dass ich während dieser zweieinhalb Tage hauptsächlich Johannes fotografiert habe, inzwischen ganz unverhohlen. Der imposante Hafen oder das pittoreske Fischerstädtchen dienten bloß noch als Kulisse. Diese Veränderung hat er natürlich bemerkt, mich aber nicht darauf angesprochen. Ich hoffe sehr, dass ihn das Eingeständnis, das in meiner Fotowut steckte, nicht gekränkt oder entmutigt hat.

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„Embrace the struggle“

Da bin ich also in Barcelona. Einfach so, ganz unaufgeregt, eher ein Ausflug als eine Reise. Ganz im Gegensatz zu meiner Flucht neulich nach Mailand, kann ich es diesmal durchaus genießen, bin schon deutlich näher bei mir.  Es ist voll hier, aber heiter und entspannt. Die Sonne schaut auch so weit südlich von Deutschland nur für ein paar Stunden täglich vorbei, so flach, dass sie die schmalen Gassen des gotischen Viertels bloß streift. Die Platanen der großen Prachtboulevards sind nicht mehr grün, sondern scheinen vornehm silbrig. Das könnte auch an dem Weihnachtsschmuck liegen, der massenweise zwischen ihnen gespannt ist. Meist sind es Kunstwerke aus Lichterketten. Abends, wenn die Stadt traditionell noch lebhafter wird, geben sie dem Gewusel eine süßlich-melancholische Note.

Die meiste Zeit habe ich wohl mit ausgedehnten Gängen durch die Innenstadt verbracht. Manchmal bin ich über Erinnerungen an Johannes gestolpert. Zuletzt war ich mehrfach mit ihm hier, mal auf dem Weg zum – oder vom Schiff, mal zu Besuch bei meinem Vater. Dort saßen wir beim Café Cortado, dort haben wir das Picasso-Museum gesucht, dort unser Gepäck deponiert. In einem Laden halte ich plötzlich ein rotes Gummi-Gehirn in Händen. Der Scherz kommt bei mir nicht gut an, kurz überfällt es mich wieder. Doch im Großen und Ganzen bin ich recht ruhig.

imageAuf der Straße sitzt ein eigenartiger Kerl: heller Vollbart, mäßig ungepflegt, auf den ersten Blick ein Bettler. Doch er hat eine Aura, wie er da so konzentriert in einem Karoblock schreibt. „Ideas that change your life – 1 Euro“ – verspricht das Schild vor seinen Füßen, daneben sind drei gefaltete Karo-Zettelchen aufgereiht. Wie charmant, denke ich mir und will ein Foto von ihm machen. Die beste Bettel-Idee seit langem – hoffentlich nicht so bald so oft kopiert. Wir kommen kurz ins Gespräch. Er habe viele Jahre leben müssen für seine Ratschläge, sagt er. Außerdem würde er selbst die besten immer wieder neu formulieren – um sie wahrhaftig zu erhalten.

imageJetzt bin ich doch neugierig, entscheide mich für den mittleren der drei Zettel. Das hat etwas von chinesischen Glückskeksen, nur viel besser. Das Stück Papier kommt mir vor wie ein kleiner Schatz. Erst recht, nachdem ich ihn in sicherer Entfernung gelesen habe.  Grob übersetzt steht da: „Du musst das Kämpfen lieben lernen, um durch schwere Zeiten zu kommen. Um nicht aufzugeben. Warum? Weil Du tausend mal mehr zu schätzen weißt, was Du Dir erkämpft hast, als was Dir einfach zugefallen ist. Dankbarkeit ist das Wesen des Glücks.“ Erstaunlich, oder?  Ich glaube, der Mann verändert wirklich Leben. Vielleicht nicht immer grundlegend, aber da und dort ein wenig. Und wer kann das schon von sich behaupten?

Heute Abend gehts wieder zurück nach Wuppertal. Und ich kann jetzt schon sagen, dass es gut war, hierher gekommen zu sein. Gleich will ich noch ins Museum für Moderne Kunst gehen. Ganz gleich, was sie dort gerade zeigen. Johannes  und ich hätten das genauso gemacht.

 

Vor einem Jahr und einer Ewigkeit

Mir ist ein besonderes Fundstück in die Hände gefallen. Oder besser: Ich habe mich endlich getraut, es anzurühren. Auf meinem virtuellen Schreibtisch lagen nämlich noch Fotos und Videoschnipsel von der Transatlantik-Kreuzfahrt, die Johannes und ich vor einem Jahr machten. Vor nur einem Jahr! Es ist so nah und kommt mir doch wie ein Gruß aus einer völlig anderen Welt vor, die schon seit Ewigkeiten vergangen ist.

Eigentlich wollte ich an Bord nur die „Adventure of the seas“ dokumentieren und daraus einen Fünfminüter für Youtube basteln, eine kleine Schiffs-Kritik also. Ein Jahr zuvor hatte ich das bereits mit der „Norwegian Spirit“ gemacht, bei einer ebenfalls wunderbaren Kreuzfahrt mit Johannes. Doch diesmal war die Stimmung eine andere. Wenige Tage zuvor hatten wir die Nachricht von dem gewaltigen Rezidiv bekommen, waren aufgewühlt und verängstigt. Die Kreuzfahrt war eine verächtliche Geste an den Tod, der da plötzlich in Sichtweite aufgetaucht war. Sie war Ablenkung und Lebenstraumerfüllung. Jedenfalls habe ich mein Video-Projekt darüber vergessen und stattdessen ab und zu Johannes aufgenommen. Manchmal  verschämt, weil mir klar war, dass ich gerade die Erinnerung an ihn konservieren wollte, dass jedes Mal, das ich auf den Auslöser drückte, ein bisschen Vorbereitung auf den drohenden Abschied war.

Die kurzen Filmchen, so belanglos, fragmenthaft und verwackelt sie auch sind, stellen jetzt einen Schatz für mich dar, der mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt. Ich habe sie in dem folgenden Video grob zusammengeschnitten. Ist er nicht wahnsinnig süß?

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