Plötzlich schaue ich dem Tod ins Auge

Blick aus dem Gate auf die Jet Airways-Maschinen. Ich werde nie wieder eine davon betreten.

Blick aus dem Gate auf die Jet Airways-Maschinen. Ich werde nie wieder eine davon betreten.

Alle Erfahrungen sind gut, selbst die schlechten – diesen Satz mag ich gern. Mit ihm in der Hand habe ich mich schon in manches Abenteuer gestürzt. Doch so absolut gilt er dann doch nicht. Erst jetzt habe ich wieder eine Ausnahme erlebt, eine Begebenheit, auf die ich auch im Rückblick lieber verzichtet hätte. Auf dem Heimweg aus Bangkok ist mein Flieger nämlich beinahe abgestürzt.

Es war kurz nach dem Start von meinem Zwischenstopp in Mumbai. In dem proppevollen Airbus 330 habe ich wieder einen jämmerlichen Platz in dem Mittelblock am Gang erwischt, direkt unter der Klimaanlage, die mich schon auf dem Hinflug so fertig gemacht hat. Wir sind schon auf rund 8000 Meter gestiegen, als der Pilot plötzlich auf die Bremse tritt, so heftig wie ich es noch nie erlebt habe. Wir fallen wie ein Stein aus dem Himmel! Nase nach unten, zig Meter pro Sekunde, hart an der Belastungsgrenze für Mensch und Maschine. Gleichzeitig mit dem Sturzflug dreht das Flugzeug in eine enge Kurve und nimmt wieder Kurs auf die Küste. Das Schlimmste ist: Keine Ansage erklärt uns, was da gerade passiert. Die Passagiere, überwiegend Inder, sind zu drei Vierteln schon eingeschlafen und bekommen den Wahnsinn nicht mit. Die übrigen sitzen teilweise schreckensstarr mit weit aufgerissenen Augen da. Wir fallen und fallen. Ich komme mit dem Druckausgleich nicht hinterher. Die Besatzung hat irgendeine Nachricht aus dem Cockpit erhalten und schnallt sich an, als ob wir wenige Sekunden vor der Landung stünden. Dumm nur, dass wir 100 Kilometer auf dem offenen Meer sind. Ich hyperventiliere längst und schaue verzweifelt zu der Stewardess hinüber, die mir schräg gegenüber sitzt. „Are you alright?“, fragt sie, völlig rethorisch. Natürlich nicht, signalisiere ich mit einer Geste. Dazu fällt ihr dann auch nichts mehr ein. Was soll sie auch sagen, wenn sie selbst mit einem Absturz rechnet? Immer noch keine Durchsage aus dem Cockpit. Wahrscheinlich würde die Wahrheit nur Panik auslösen.

Etwa 2000 Meter vor dem Aufprall wird die Kurve flacher, die Maschinen laufen nur noch auf Sparflamme, das Flugzeug ist gespenstisch ruhig. Auch die Klimaanlage sagt seit wenigen Minuten keinen Mucks mehr. Es wird stickig. Die Panik bleibt. Mit meiner Sitznachbarin, einer jungen, blondgelockten Deutschen, versuche ich, mich etwas auszutauschen, vielleicht zu beruhigen. Zwecklos. Wir haben beide Todesangst, unsere Zähne klappern, wir können kaum reden. Dann der schlimmste Moment: Aus der Klimaanlage strömt plötzlich glühend heiße Luft, ein lautes Knacken und Knirschen schießt einmal durch den Rumpf. Jetzt ist es aus, denke ich. Gleich bricht hier Feuer aus, oder es zerreißt uns.  Ich hechele, auch aus Luftnot, hoffe auf eine gnädige Ohnmacht. Ich fühle mich so schrecklich ausgeliefert, mein Körper ist Spielball dieser irren Kräfte, jeden Moment kann er zerdrückt werden oder verschmoren.

Ich denke an Johannes. Was für ein schlechter Scherz des Universums, erst meinen geliebten Mann gegen jede Wahrscheinlichkeit auszulöschen – und nun mich, auf genauso seltene Weise. Die ganze Welt wird mit Gruseln auf die Schlagzeile schauen, die wir gerade schreiben, einen kurzen Moment lang – und sich dann wieder abwenden, als ob nichts gewesen wäre. Ich will das nicht! Ich habe Angst vor den Schmerzen, die mir bevorstehen! Doch es passiert nichts Schlimmeres.  Unser Kriechflug geht weiter, der Hitzeschwall hat nur kurz gedauert. Dann spricht endlich der Kapitän, wie immer kaum verständlich wegen seines Akzents und der miesen Akustik. Er entschuldigt sich lapidar für die Unannehmlichkeiten, sagt irgendwas von Problemen mit der Klimaanlage und dem Kabinendruck. Ach, was! Die Probleme seien behoben, wir würden nun wieder Richtung Amsterdam fliegen und mit leichter Verspätung ankommen. Und so ist es dann auch: Wir drehen zurück auf normalen Kurs, geben Gas, steigen auf, die Klimaanlage spielt wieder Kühlschrank. Nur schlafen können meine Nachbarin und ich noch lange nicht.  Vollgepumpt mit Adrenalin reden wir noch lange sinnloses Zeug. Als wir ruhiger werden, muss ich daran denken, wie schnell das Leben doch vorbei sein kann. Eigentlich hätte ich diese Lektion doch wirklich lernen müssen durch Johannes, oder? Doch die Erkenntnis überrollt mich, als ob sie ganz neu wäre.

Schier endlose Stunden später haben wir Amsterdam tatsächlich heil erreicht. Ich nutze den beinahe heiteren Moment, um die Stewardess nochmal nach der Wahrheit zu fragen. Sie weicht aus. Der Pilot habe keine Zeit für eine Durchsage gehabt, sagt sie.  Er habe jede Sekunde gebraucht um das Problem mit der Lüftung in den Griff zu bekommen. Die offizielle Erklärung lautet nun, dass wir 6000 Meter abgesackt sind, um auf eine sicherere Höhe zu kommen und die Techniker am Boden zu erreichen. Diese hätten dann die Systeme der Klimaanlage aus der Ferne neu gestartet. Danach lief wieder alles. Ich fürchte, die Geschichte war deutlich dramatischer.

In Amsterdam angekommen, ging es übrigens nicht gut weiter: Der Weiterflug nach Brüssel war nach dem Bombenterror abgesagt worden. Schlimmer noch: Jet Airways hatte mein Gepäck verschlampt. Zusammen mit einigen anderen Gepäckstücken. Schon wieder! Aber mich traf es vielleicht am härtesten, denn in dem Koffer war mein Autoschlüssel. Nach Brüssel weiterzureisen war dadurch witzlos. Auf eigene Kosten bin ich also in den Zug nach Wuppertal gestiegen, habe nachmittags bei meinen Schwiegereltern den Wohnungs-Zweitschlüssel geholt, habe in meiner Wohnung den Auto-Zweitschlüssel geschnappt und mich auf den Weg nach Brüssel gemacht. Nachts um eins bin ich dort angekommen, habe ein Taxi zu meinem Auto genommen und habe mich durch die Nacht wieder nach Hause gequält. Doch der ganze Irrsinn ist nicht so recht an mich herangekommen. Ich glaube, das traumatische Erlebnis saß mir noch in den Knochen.

Gestern Abend um 23 Uhr hat hier übrigens ein Kurierdienst geklingelt und meinen Koffer abgeliefert.

4 Comments

  1. Claudia Opitz

    1. April 2016 at 21:54

    Lieber Erik,
    einfach JETZT erst einmal fassungslos… das Wort trifft wirklich so meine Seelenlage, wie ich deinen Bericht gelesen habe. Gut, das du dir wohl das meiste jetzt von der Seele geschrieben hast… Jedenfalls hoffe ich das für dich.
    Gerade durch den Terror habe ich sehr an deinen Rückflug gedacht und ausserdem , meine gute Freundin Katarina musste auch wegen testamentarischen Erledigungen in die Schweiz fliegen und ich war auch froh, dass sie gut gelandet war…und jetzt wieder zurück in Schweden ist.
    JA , WIR LEBEN…
    und natürlich wünschen wir uns ALLE dass es keine Horror -Verabschiedung von diesem Planeten wird …
    Das ist jetzt nicht ironisch gemeint… aber du hast einfach dir „anschauen müssen“ wie man ausser durch eine langwierigen Krankheit und ja wie du jetzt weisst, bei vollem Bewusstsein und s die ultimative und plötzliche Endlichkeit überraschen kann.. und WIE man dann doch begreiflicherweise körperliche, seelische und geistige panisch … auch so „erstarrt“ seiend reagieren kann.
    …und…
    das wir niemals so ganz wissen, ob und wie unserer letzter „Schritt “ auf der Erde in eine andere Seins-Form wirklich vonstatten geht….
    ICH BIN WIRKLICH VON HERZEN FROH , DASS DU NOCH HIER BIST…

    Die Welt hat sich sehr verändert und wir leben wahrhaftig in sehr unruhigen Zeiten… Bei mir hängt immer noch die regenbogenfarbige PACE- Fahne aus der italienischen Friedensbewegung resultierend aus dem Fenster… Ich habe sie ins Fenster getan als der Terroranschlag in Brüssel war… Diese Fahne vermittelt zumindest meine innere Einstellung SICHTBAR nach aussen… und sie bleibt da einfach hängen…
    Ich fliege ja am 22. 04 . von Frankfurt ab nach Wien und mache mir auch so meine Gedanken. Das war früher wahrhaftig nicht der Fall wenn ich in ein Flugzeug stieg…

    Ich muss wirklich deine Erlebnisse einfach „sacken lassen“ und umarme dich gedanklich wirklich mit grosser DANKBARKEIT , dass du noch „hier“ bist… Wirklich im Moment schiessen mir die Tränen in die Augen…
    FREU dich DES LEBENS
    denkt deine Freundin Claudia

  2. Lieber Erik

    Mir fehlen einfach die Worte… Bin soooo wahnsinnig froh, dass es Dir gut geht!
    Deine Schilderung fühlt sich an wie Szenen aus dem schlimmsten Horrorfilm!!! Meine Güte!!!!! Ich hoffe sehr, dass Du nun zur Ruhe kommen konntest und mir ist bewusst, dass es eine Weile brauchen wird bis Du dieses Erlebnis verarbeitet hast.. Es wird für Dich auf alle Fälle sehr einschneidend sein… und ich denke im positivem Sinne (LEBEN im JETZT und das INTENSIV).

    Liebevolle Umarmungen und ich denke an Dich

    Katarina

  3. Claudia Opitz

    2. April 2016 at 10:24

    Lieber Erik,
    JETZT mal etwas ruhiger nach einer zwar etwas unruhigen Nacht, weil natürlich zwar völlig anders wie bei dir und Allen die das bewusst mit erlebt haben, ich doch noch schockiert und betroffen bin…

    Grundsätzlich bin ich ja ein optimistisch eingestellter Mensch und denke immer relativ früh, “ was soll dieses Ereigniss dir vermitteln“…

    Zuerst einmal habe ich für MICH festgestellt, dass ich unendlich betroffen und traurig wäre, wenn unsere „irdische Verbindung“ zwar ja mehr mail-mässig… nicht mehr fort geführt werden könnte.

    Für DICH…
    denke ich wirklich auch, wie Katarina ja auch schreibt, dass du dein LEBEN AB JETZT …
    tatsächlich als ein grosses NEUES Geschenk sehen könntest…
    Ich wünsche es dir SEHR , das es EIN GESCHENK wird…
    und sehr … du weisst … DU sehr im HIER und JETZT lebst…

    Was mir ebenfalls sehr am Herzen liegt, ist eigentlich dir KLAR zu machen, dass es einen sehr universellen GLAUBEN gibt und dass dadurch , wenn du dich da ein wenig tiefer hinein begibst, es keine ENDLICHKEIT gibt…
    Alles verströmt und hat eine ENERGIE und tatsächlich eine Frequenz…
    Also , als Manifestation zu meinem immer wieder einmal geschriebenen
    ALLES IST…Es ist nur eine WANDLUNG unterworfen… und auch noch einmal
    LIEBE ist der schönste GLAUBE… Ob nun zu dem geliebten Gegangenen, dem Leben an und für sich, einer neuen Liebe …oder einer universellen Liebe…
    LIEBE vergeht einfach nicht … sie IST..
    Ich wünsche dir für dieses Wochenende Entspannung, liebe , reale Freunde um dich…
    und ich kann mir nicht helfen…
    einen baldigen lebensbejahenden Wechsel in deinem nicht nur beruflichen Leben, aber sehr…der DIR ERFÜLLUNG bringt.

    Dieser Wechsel ist meiner Meinung nach nicht NUR in die bisherige Richtung gehend… Das wirst DU aber für DICH herausfinden, ob dem so ist…
    Vielleicht war das von Johannes gemeint mit dem ERFOLG? Das LEBEN BEJAHEND ??? ERFÜLLUNG findend ?

    Ich nehme dich jetzt einfach auch einmal gedanklich in die Arme , wie damals in Würzburg, wo ich dich endlich so real umarmen durfte…
    und bin einfach FROH
    das DU LEBST …
    deine Claudia

    das ist die Essenz jetzt… FROH DAS WIR LEBEN

  4. Claudia Opitz

    12. April 2016 at 19:48

    Lieber Erik,
    bevor ich mit meinem Hund rausgehe…
    Es muss wahrhaftig kein Roman sein… Allerdings, wenn du willst… sehr gerne auch einen Roman von dir lesend..

    aber soooo ein kleines Lebenszeichen wie es dir innerlich und äusserlich geht, wäre gleichzeitig sehr beruhigend und auch gleichzeitig …. mmmmhhh… einfach SCHÖN…
    denkt und fühlt
    deine Freundin Claudia

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