Training für den Trauermuskel

IMG_1971Drei Dinge wollte ich Anfang Oktober noch vor der Abreise nach Asien erledigen. Da wusste ich noch nicht, wie schwer jeder einzelne Punkt werden würde. Erst gestern konnte ich einen Haken hinter den ersten machen: Ich war in unserem Fitnessstudio. Der Vertrag dort ist längst gekündigt und läuft Ende Januar aus. Da wollte ich doch vorher nochmal reinschauen. Reinspüren, ob es wirklich so schlimm ist.

Und ja, es war grausam. Unseren alten Routinen folgend, bin ich zum Aufwärmen auf den Crosstrainer gestiegen, vor mir die Reihe der Laufbänder. Genau dort war Johannes immer, in seinen langen schwarz-glänzenden Trainingssachen, hat das Tempo eingestellt und ist dann leicht hinkend losgetrabt. Ich habe in seinem Rücken jede Sekunde mitgefiebert, denn motorisch verlangte ihm das Laufen Höchstleistung ab. Zwei Minuten 45, 50, 55… geschafft! Bei drei Minuten gab’s ein dickes Lob von mir. Dann sind wir in die Halle ausgeschwärmt, haben unsere Übungen gemacht, dazwischen immer mal ein Wort gewechselt. „Wie läuft’s?“ „Ganz gut.“ Jeden Mittwoch ist er für eine Stunde in den Keller gestiegen, der Tapfere, zum Qi Gong, meistens mit einer Handvoll älterer Frauen.

Es war ein magischer Ort. Ich war so glücklich und so stolz auf ihn, wenn er mal wieder zeigte, was er wie kein anderer beherrschte: Disziplin. Gutes für sich tun. Aus der Lage das Beste machen. Obwohl wir halbwegs diskret waren, fielen wir natürlich auf. Beobachtern war schnell klar, dass wir mehr Paar als Trainingspartner sind. Gestern fiel ich wohl auch dem einen oder anderen auf. Wow, der schwitzt ja aus den Augen! Zum Glück ist das Studio überwiegend von Normalos bevölkert, da war mir das nicht so peinlich. Testosteron-Geschädigte sind in der Minderheit.

Nach einer halben Stunde ging es langsam etwas besser und ich kam auf den Gedanken, dass es mit dem Trauern vielleicht wie mit den Muskeln ist: Es braucht etwas Training. Mit der Zeit kommt man besser mit den (inneren) Gewichten klar. Jedenfalls halte ich es jetzt auch schon etwas besser in Johannes Zimmer aus. Meine Bücher stehen dort, das zwingt mich täglich dazu hineinzugehen. Kritisch wird es nur, wenn ich zum Beispiel etwas suche und dazu ganz bewusst seine Dinge in die Hand nehmen muss. Wenn ich mit seinem Rechner nicht klarkomme und ihn nicht fragen kann, was er sich dabei gedacht hat. Wenn das Maß dann voll ist, brechen die Dämme.

Seine Pyschologin sagte mir, dass es etwa ein Jahr dauert, bis in den Träumen nicht mehr der kranke Partner auftaucht, sondern wieder der gesunde. Ich kann es kaum erwarten – und bin vielleicht schon auf dem besten Weg dorthin. Kürzlich habe ich geträumt, wie mein geliebter Mann gemeinsam mit mir irgendwelche Alltagsprobleme bewältigt. Ich weiß nicht mehr was es genau war, etwas komplizierter als Einkaufen und Kochen, aber eben nichts Weltbewegendes. Es war ein langer, wunderschöner Traum. Zu schön um wahr zu sein. Deshalb habe ich Johannes nach einiger Zeit beiseite genommen – es sollte ja nicht gleich jeder die ungeheure Frage hören, die ich ihm stellte: „Du bist nur ein Geist, stimmts?“ „Ja“, sagte er leise, und fiel mir schluchzend um den Hals. Ich wachte auf, weil ich keine Luft mehr bekam.

1 Comment

  1. Claudia Opitz

    27. Januar 2016 at 22:40

    Lieber Erik,

    da ich gerade die lange Fassung der Meditation
    Om Tare Tuttare Ture Soha
    „gemacht habe“, also mich innerlich gestärkt habe.. schreibe ich dir JETZT …

    Einiges ganz anders fühlend wie heute vor ein paar Stunden, als ich deine mail zum ersten mal las… Keineswegs negativ gemeint…

    Du bist ja wahrhaftig NICHT in EUER Fitnessstudio gegangen, weil die Karte jetzt auslief…
    Nein… du bist, wie dein Titel für diesen Beitrag ja ausdrückt und deine Zeilen, deine Empfindungen mit uns teilend… , dort hingegangen… weil DU KLARHEIT haben wolltest, wie du mit all diesen Erinnerungen umgehen kannst…

    Wieder kann ich nur schreiben… man merkt bis ins Herz hinein, welch innige Verbindung ihr HABT… auch jetzt noch… und IMMER…

    Das willst du vielleicht gar nicht so „gerne “ hören…fühlen.. weil du ja immer noch im Kopf die Sehnsucht hast… in einem Jahr ist alles „mehr anders“…

    Ja, das ist es.. und dennoch… auch nicht…
    Sieh einmal…
    lieber Erik,
    betrachte diese grosse Liebe einfach als ein SCHÖNES GESCHENK an DICH…
    Dann verschwindet mehr und mehr diese schmerzhafte Trauerliebe… und mach einer universellen Liebe Platz…
    wo deine LIEBE zu Johannes einfach darin eingebettet ist…
    wie bei mir mit/durch Burkard…

    Es kann einfach mehr und mehr in der nächsten Zeit für DICH
    eine sehr entspannte Liebe werden… durchaus immer noch mit Tränen, wie sie dir heute und häufiger ja … glücklicherweise… ja, das kann man wirklich so schreiben…in die Augen treten….

    Mmmmmh …
    Welch ein bewegender Traum ….Für mich ein „Zeichen“, vielleicht irgendwann auch für dich… einen Anfang hast du für mich gemacht, weil du aufgewacht bist…
    Für einen kurzen Moment keinen Atem gespürt hast… meintest keine Luft zu bekommen…
    Das kann durchaus so gewesen sein…

    Es ist die liebende Sehnsucht nach Vereinigung zu den Geliebten, die uns einfach für einen kurzen Moment die Luft nehmen,
    Wie… ich schreibe das einfach mal…
    wie früher bei einem Orgasmus, der mit LIEBE gefüllt war…

    Dieses SEHNEN… mit Liebe gefüllt zu unseren Geliebten… das bleibt… und deswegen schrieb ich vorhin… Sinn gemäss…. es bleibt… wird aber anders…

    DEINE LIEBE und SEINE LIEBE können DICH stärken… für die nächste Zeit… und lächel… vielleicht für immer…

    und du kannst dennoch
    DEIN Leben in allen Facetten der Gefühle leben… Auch teilend mit anderen Menschen … auch liebend.. anders liebend…

    Da jeder Mensch etwas ganz individuell zu Liebendes in sich trägt… das meine ich und fühle ich… wenn ich von universeller Liebe spreche, schreibe…
    Machen wir diese Welt einfach LIEBE-VOLLER mit allen Gefühlen… auch der , der Trauer…

    DANKE auch jetzt wieder
    lieber Erik,
    für diesen wunderschönen, so wert – und liebevollen Blog…
    DANKE
    deine Freundin Claudia mit Burkard im Herzen und Leben
    und mehr und mehr vielen Menschen auf andere Art im Herzen und Leben…
    Bitte schreibe weiter und TEILE mit UNS…

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