Kleine Fluchten

Die Tage verstreichen so schnell, dass es mir selbst manchmal unheimlich ist. Gestern saß ich neben Thommy im Kino und habe der Vollständigkeit halber den letzten Teil der „Tribute von Panem“-Saga gesehen, als er mich fragte, was ich denn so getrieben hätte diese Woche. Da bin ich doch ganz schön ins Grübeln und Stottern gekommen.  Es sind so viele kleine Dinge. Und dazwischen eben oft… äh… nichts. Vielleicht ist das aber gar nicht so schlimm. Ich bin zuversichtlich, dass sich mein Leben in einem Jahr deutlich besser anfühlt als heute. Also dürfen die Tage ruhig gehen. Erst recht diese düsteren Wintertage.

Buttergemüse, etwas mehr als "well done". Den Topf habe ich komplett entsorgt.

Buttergemüse, etwas mehr als „well done“. Den Topf habe ich komplett entsorgt.

Am Mittwoch habe ich zum ersten Mal, seitdem mein geliebter Mann gestorben ist, alleine einen kompletten Abend zuhause verbracht. Gegen die Einsamkeit habe ich zwei lange Telefonate geführt und mir derweil in der Küche etwas Einfaches gekocht – ebenfalls Premiere. Alles Kochen und Essen ist mir eigentlich noch zu sehr mit Johannes verbunden, spielte es doch eine zentrale Rolle in unserem Leben. Belohnt wurde ich nicht: Mein Kochen endete in einem kleinen Desaster. Ich habe schon gegessen und will nur noch den  Rest vom Buttergemüse etwas nachgaren lassen. Darüber schlafe ich auf dem Sofa ein und – ihr ahnt es – werde erst durch einen dezenten Brandgeruch wieder wach. Was im Wohnzimmer nur in der Nase kitzelt, ist in der Küche dagegen eine fiese Qualmwolke. Die ist schon überall eingedrungen. Und eine Warnung am Rande: Gründlich verbranntes Buttergemüse stinkt nach Kotze! Schlagartig wurde mir klar, warum manche Wohnungen nach Bränden als unbewohnbar gelten, obwohl sie doch nur verqualmt sind. Seitdem kämpfe ich unermüdlich gegen den Gestank, versprühe stündlich Raumdeo, lüfte – und verkrieche mich ansonsten. Heute, nach drei Tagen, wird es langsam erträglich. Besuch will ich noch immer nicht empfangen.

Es bleibt also dabei: Ich brauche meine täglichen, kleinen Fluchten. Wie gestern das Kino. Oder Sonntag wieder. Oder die vielen Go-Veranstaltungen, bei denen ich jetzt auflaufe. Für Mitte Januar habe ich mir einen Billigflug nach London gebucht, um einen Freund zu besuchen. Mitte Dezember stehen drei Tage Barcelona auf dem Programm. Einfach so. Wer jetzt meint, ich würde mein weniges Geld verschleudern, dem sei noch kurz gesagt, was der Spaß kostet: Ich fliege mit Ryanair von Köln nach Barcelona (El Prat) und zurück für genau 20,40 Euro, inklusive aller Gebühren. Zwei Nächte im zentral gelegenen Einzelzimmer kosten 28 Euro. Zuhause bleiben ist  fast teurer, oder?

Heute, Samstag, habe ich noch nichts vor. Hier drin zu bleiben ist keine Option. Also werde mich wohl ins Auto setzen und irgendwohin ausfliegen. Vielleicht schön in die Sauna. Vielleicht besuche ich auch meine Ex-Stiefmutter (ja, sowas gibt’s) bei Frankfurt. Mir fällt schon was ein.

3 Comments

  1. Lieber Erik,

    alles was du beschreibst, ist völlig „normal“ in der ersten Trauer.. In der befindest du dich nach wie vor…

    Wieder möchte ich dir für die Schilderung deiner Erlebnisse DANKEN… Je mehr Menschen über ihre trauer.. ihren Seelenzustand und ihren Alltag in der Trauer schreiben , umso mehr wird die Trauer
    „ent -tabuisiert“…
    Aus diesem und anderen Gründen mein DANKE AN DICH…
    Ja,
    man braucht die „kleinen Fluchten“, obwohl sie meiner Meinung nach keine kleine Fluchten sind…
    sondern das „erspüren“…“herausfinden“… sich „herantasten “ an das
    „neue ICH-Leben“ , was jetzt das reale „Wir Leben“ abgelöst hat…

    das ist ein durchaus anstrengender körperlicher und seelicher Stresszustand…Tatsächlich liegst du mit der Annahme richtig, dass du in einem Jahr ein völlig anderes Leben führen wirst…

    Ich kenne fast keinen, auch dir wohlbekannte aus dem Ht-Forum, die nicht so ein Desaster hinter sich haben, wie du mit deinem „versuchten wieder essen“…

    Bei mir waren es mehr Überschwemmungen… Glücklicherweise sind ja Küche und Bad bei mir gekachelt und es wohnt keiner unter mir ( höchstens Mäuschen…
    Ja, das Essen zubereiten, überhaupt alleine essen…. sehr, sehr schwierig in der Anfangszeit…
    Nachdem ich dann zum essen, was wir immer in der Wohnküche eingenommen haben „umgezogen bin“ in den ehemaligen Raum, wo wir unser Lädchen hatten, dann später „Willkommen-Treffraum“ für unsere Gruppierung , ging es dann einfach besser…

    Vielleicht kannst du ja ein bisschen die Wohnung umräumen, sie auch etwas verändern, damit du mehr aus dem „das war einmal “ Gefühl heraus kommst. Das hat ja nichts mit deinem Gefühl zu deinem geliebten Johannes zu tun… Diese Liebe bleibt ja…
    Es geht einfach BEI ALLEM darum, dass du dich mehr und mehr besser fühlst…
    Noch einmal …“Trauerarbeit ist Schwerstarbeit“…

    Zu deine Flügen und Aufenthalten …
    RICHTIG …RICHTIG… mal wieder ein Super „like“…
    Ich weiss durch meine Tochter , wie günstig die Flüge und Aufenthalte sind…

    • ohhh, jetzt hatte ich das einfach abgeschickt… Zeichen zum aufhören??? Vielleicht…
      Nur noch soviel…
      liebe Erik,
      du machst alles richtig, weil du diesen Weg im Moment für dich als den gangaren ausgesucht hast…
      Auch mit dem Treffen von Freunden und längeren bis laaaangen Telefonaten , kennen ALLE die in der gleichen Lebenssituation sind…
      Das einzige was du mir einmal erklären musst ist, was eine „Ex-Stiefmutter “ ist…
      Ex-Schwiegermutter kann ich verstehen.. aber „Ex- Stiefmutter“???
      Aber du musst das auch nicht erklären,wenn du nicht willst…
      Übrigens können ganz viele verstehen , dass du mit dem Auto einfach hier und dorthin fährst… das war auch bei vielen eine Art ihrer Trauerbewältigung…

      Ich persönlich meine, dass du dich auf einem
      GUTEN WEG befindest…
      Herzlichste und unterstützende Grüße
      von Claudia mit Burkard im Herzen und Leben…

      P.S. Ich bin mir inzwischen völlig klar , das im Frühjahr ein Treffen bei mir stattfindet…
      aber bis dahin werden wir uns noch schreiben…

      • Oh,oh, oh… so viele Schreibfehler von mir.. Es tut mir leid, lieber Erik…
        Lieber Erik… statt liebe Erik…
        und natürlich meine ich „gangbaren … statt „gangaren“

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