Eine Lektion in buddhistischer Gelassenheit

Um diesen Eintrag habe ich mich regelrecht gedrückt. Denn auch wenn ich hier hauptsächlich für mich selbst schreibe, fällt es mir schwer einzugestehen, dass ich vorgestern wohl unfassbar bescheuert war. Ich könnte es mir einfach machen und vermelden: Der Koffer ist wieder da, das iPhone weg. Doch dabei würde ich  ein entscheidendes Detail unterschlagen. Das iPhone ist nämlich wieder weg. Denn zunächst mal ist es in einer filmreifen Aktion zurück in meine Hände gelangt.

Stunden nach dem Erstkontakt mit der mutmaßlichen Finderin hat sie sich  wieder gemeldet. Ich saß gerade in der Lobby – schließlich wartete ich ja auch noch auf meinen verschollenen Koffer. Chaw, ein zierlicher Rezeptionist, verhandelte am Telefon mit ihr. Zum Hotel wollte sie nicht kommen, stattdessen bestimmte sie als Treffpunkt den Starbucks in  einem entfernteren Einkaufszentrum. Chaw schlug mir schließlich vor, mich dorthin zu begleiten. Das war mir sehr recht, schließlich wollte ich, falls möglich, auch noch den Finderlohn auf ein thailändisches Normalmaß herunterhandeln. Eine halbe Stunde  später saßen wir auf einer Bank im Einkaufszentrum „Terminal 21“,  nahe dem Starbucks, und fahndeten misstrauisch nach einer verdächtigen Frau in dem Gewusel.

Ist es die da?  Was  ist, wenn sie zu zweit oder dritt kommen? Wenn sie uns nur das Geld abnehmen wollen? Wenn das Handy gar nicht meins ist, sondern ein Plagiat? Wenn die Verhandlungen  schwierig werden? Chaw erwies sich als ein ganz Ausgebuffter und fädelte es so ein: Er ließ sich einen 1000-Baht-Schein von mir geben (25 Euro). Ich sollte behaupten, selbst  nur noch 1000 zu besitzen (schließlich hatte ich ja mein Gepäck verloren) und er würde dann vorgeben, mir den anderen Tausender zu leihen. In Summe also 2000, statt der ausgelobten 4000.

Dann tauchten sie endlich auf:  Zwei freundliche, junge Frauen und ein kleines Mädchen. Was waren wir erleichtert! Die drei waren kurz nach mir Fahrgäste in dem Taxi und hatten dabei mein iPhone aufgelesen. Wir setzten uns also kurz zusammen, Chaw übernahm die Verhandlung, erzählte von meinen Katastrophen, löste großes Staunen und viele „Ahs“ und „Ohs“ aus. Ich verstand nichts und nickte freundlich.  Als  es  ans Geld ging, wurden die Mienen kurz eisiger, die junge Finderin hatte sich wohl  schon gefreut.  Wir zogen aber unser einstudiertes Schauspiel durch – dann war plötzlich alles ihn Ordnung. Scheine und Handy getauscht, schnell noch  reihum Erinnerungsfotos gemacht. Happy End! Zumindest für 20 Stunden.

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Für den nächsten Morgen hatte ich mir eine freie Stadtführerin organisiert, die mir für ein überschaubares Honorar ihre Stadt zeigen sollte. Um 10 Uhr ging es los und um 17 Uhr, dem offiziellen Führungsende, machte Jam noch immer unverdrossen weiter. Da waren wir bereits mit dem Linienboot den Chao Phraya hinaufgefahren, waren zu Fuß durch Thonburi gestreift, die ehemalige Hauptstadt Siams, durch ein wunderbar friedliches Slum und hatten einen Lokschuppen erkundet, in dem die Dampfloks zu des Königs Ehren stehen und auf ihren Einsatz warten, hatten in einem Tempel gesessen, waren im Longtailboot durch Bangkoks Kanäle gerauscht, hatten unterwegs Fische gefüttert, uns traditionell bekochen lassen und Krokodile bestaunt. Viele der Punkte waren „off the beaten track“ und damit genau nach meinem Geschmack. Nebenbei hat Jam mir erfrischend natürlich die Thais und sich selbst erklärt. Das war bis dahin ein ganz wunderbarer Tag. Danke, Jam!

Bei der Zugabe sollte es noch durch Chinatown gehen. Und auf der Taxifahrt dorthin hatte ich mal wieder zu viel im Kopf, in den Händen und… ja, leider… auch in den Taschen. Kaum ausgestiegen, die ersten Schritte im Getümmel gegangen, bin ich auch schon schier zusammengebrochen. Nicht schon wieder das iPhone! Ich muss ziemlich dämlich ausgesehen haben, wie ich da auf der Straße ausgeflippt bin, auf Englisch fluchend, die Haare raufend, wie Rumpelstilzchen stampfend. Das war einfach zu viel für mich.

Diesmal wusste ich ja schon, wie das mit dem Smartphone-verfolgen funktioniert. Wir haben augenblicklich die Fährte aufgenommen, sind dem leuchtenden Punkt auf der Karte hinterhergerannt. Kurz, kreuz und quer durch Chinatown. Dann war es vorbei: Der Dieb hat mein iPhone aus- und seitdem nicht wieder eingeschaltet. Wie groß der Frust diesmal war, lässt sich nicht in Worte fassen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als eine Lektion in buddhistischer Gelassenheit zu lernen. Die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. „Focus on the present“, riet Jam mir eindringlich. Die Vergangenheit sei vorbei und die Zukunft ungewiss. Nur die Gegenwart könne ich genießen und gestalten. Sie hat ja so Recht.

 

3 Comments

  1. Ja, lieber Erik, Cham hat so recht…. und du merkst ja auch…. buddhistische Gelassenheit ist angesagt… die wünsche ich dir und eine „focussierte Reise“ Shanti, shanti Claudia

  2. Lieber Erik,
    einesteils wäre es ja gut, wenn dein i-phone jetzt wieder aus dem „Nirwana“ aufgetaucht wäre… andernteiles würde mich sehr viel mehr interessieren… WO du JETZT… bist und vor allen Dingen, ob die „buddhistische Gelassenheit“ sich mehr in dir „ausgebreitet“ hat?… oder,??? ob du alle Zeichen und Vorkommnisse so interpretiert hast, dass du die Reise doch abgebrochen hast und wieder zu Hause bist??? Drei Fragezeichen zu den besagten drei Fragen… Ich wünsche dir sehr viel Gelassenheit …an jedem Ort , wo du bist…
    deine Freundin Claudia mit … Burkard im Herzen und Leben…

  3. Ach Erik, pass gut auf Dich auf! Ich wünsche Dir von Herzen, dass nach den vielen Katastrophen und Kataströphchen doch auch ein paar schöne Erlebnisse von dieser Reise in Erinnerung bleiben werden. Grüße aus dem verregnet-kühlen Wuppertaler Herbst – Andrea

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